Informatica IPO: Das Unternehmen, das Unternehmensdaten endlich in den Griff bekommt

Informatica IPO: Das Unternehmen, das Unternehmensdaten endlich in den Griff bekommt
Ticker: INFA🌐Gründung: 1993Technologie💾

Overview

Informatica ist kein junges Startup. Das Unternehmen aus Redwood City, Kalifornien, ist seit fast drei Jahrzehnten in der Datenverwaltung aktiv und gilt als Pionier einer Kategorie, die lange unterschätzt wurde: die intelligente Verwaltung von Unternehmensdaten. Jetzt, im Oktober 2021, geht Informatica an die New York Stock Exchange unter dem Ticker-Symbol INFA.

Die Geschichte dahinter ist interessant. 2015 wurde Informatica von den Private-Equity-Investoren Permira und CPP Investments (dem kanadischen Pensionsfonds) von der Börse genommen und als nicht-öffentliches Unternehmen grundlegend umgebaut. Aus einem On-Premise-Softwareanbieter wurde ein Cloud-first-Unternehmen. Sechs Jahre und rund eine Milliarde Dollar R&D-Investitionen später kommt Informatica zurück. Das Produkt ist ein anderes. Die Zahlen sprechen für sich: Der Subscription-Umsatz ist von 118 Millionen Dollar in 2016 auf 594 Millionen Dollar in 2020 gestiegen, und die Cloud-ARR wächst mit 39% pro Jahr.

Was Informatica konkret macht: Das Unternehmen hat eine Plattform gebaut, die Unternehmen dabei hilft, ihre Daten aus verschiedenen Quellen zusammenzuführen, zu qualifizieren, zu verwalten und sicher bereitzustellen. Das klingt technisch, ist aber eines der größten Probleme moderner Unternehmen. Wer SAP, Salesforce, AWS, Google Cloud und ein Dutzend weitere Systeme nutzt, sitzt auf einem Datenchaos. Informatica löst genau das.

Management zum Zeitpunkt des IPOs

An der Spitze von Informatica steht CEO Amit Walia, der das Unternehmen durch den Cloud-Umbau geführt hat. Walia ist kein externer Manager, der nach dem PE-Buyout eingesetzt wurde, sondern kennt das Unternehmen seit Jahren. Unter seiner Führung hat Informatica die Transformation von einer on-premise Lizenz-Maschine zu einem cloud-nativen Subscription-Unternehmen abgeschlossen.

Die Stimmrechtsstruktur nach dem Börsengang ist komplex. Informatica hat drei Aktienklassen: Class A (öffentlich handelbar, eine Stimme pro Aktie), Class B-1 (eine Stimme, aber kein Stimmrecht bei Vorstandswahlen, gehalten von CPP Investments) und Class B-2 (kein wirtschaftlicher Anteil, aber Stimmrecht bei Vorstandswahlen, ebenfalls CPP Investments). Das Konstrukt ist so aufgebaut, dass CPP Investments bestimmte regulatorische Anforderungen des kanadischen Pensionsfondsrechts einhalten kann. In der Praxis bedeutet es: Die Sponsoren Permira und CPP Investments behalten nach dem Börsengang die Kontrolle. Neue Aktionäre haben wenig Einfluss auf Unternehmensentscheidungen. Das ist bei PE-Rückkehrern an die Börse keine Seltenheit, aber ein Faktor den man kennen sollte.

Branche

Der Markt für Datenmanagement und Datenintegration ist größer als viele denken. IDC schätzt den Markt für Analytics Data Management und Integration Platforms auf 31 Milliarden US-Dollar bis Ende 2021 und 56 Milliarden Dollar bis Ende 2025. Das entspricht einem jährlichen Wachstum von 16%. Informatica schätzt sein eigenes adressierbares Marktpotenzial auf rund 44 Milliarden Dollar.

Der Rückenwind ist strukturell: Jedes Unternehmen, das digitaler wird, produziert mehr Daten an mehr Orten. Cloud-Migration, mehr SaaS-Tools, mehr IoT-Daten, mehr Compliance-Anforderungen. All das erhöht die Komplexität und damit die Nachfrage nach Lösungen wie Informatica. Die Konkurrenz kommt aus verschiedenen Richtungen: Spezialisierte Point-Solutions für einzelne Datenmanagement-Aufgaben, legacy On-Premise-Anbieter und inzwischen auch Hyperscaler wie AWS und Google, die eigene Datenmanagement-Dienste anbieten. Informaticas Argument: Nur wer cloud-nativ, plattformübergreifend und mit echter KI-Integration arbeitet, kann die Komplexität moderner Multi-Cloud-Umgebungen bewältigen.

Regulatorischer Rückenwind kommt über steigende Anforderungen an Datenschutz und Governance in der EU (DSGVO) und zunehmend auch in den USA. Unternehmen brauchen Tools, die ihnen helfen nachzuvollziehen, wo ihre Daten liegen, wer darauf zugreift und ob sie korrekt sind. Das ist genau das, was Informatica liefert.

Produkte

Informatica bietet die sogenannte Intelligent Data Management Cloud (IDMC) an. Das Herzstück ist eine KI-Engine namens CLAIRE, die Metadaten analysiert und automatisch Empfehlungen gibt, Beziehungen zwischen Datensätzen erkennt und wiederkehrende Aufgaben automatisiert. Je mehr Kunden die Plattform nutzen, desto besser wird CLAIRE, ein klassischer Netzwerkeffekt.

Die Plattform besteht aus mehreren Kernprodukten:

  • Data Integration: Datenquellen zusammenführen, transformieren und für Analytics nutzbar machen. Das Brot-und-Butter-Produkt von Informatica seit Jahrzehnten, jetzt cloud-nativ.
  • API & Application Integration: Verbindung von Apps und Systemen, B2B-Datenmanagement, API-Verwaltung.
  • Data Quality: Daten bereinigen, standardisieren und anreichern, damit sie für Analysen verlässlich sind.
  • Master Data Management: Eine einzige, verlässliche Quelle für unternehmenskritische Stammdaten wie Kundendaten, Produktkataloge oder Lieferantendaten.
  • Customer & Business 360: 360-Grad-Sicht auf Kunden und Geschäftsprozesse, relevant für E-Commerce, Supply Chain und CRM.
  • Data Catalog: Eine Art Google-Suche für Unternehmensdaten, damit Mitarbeiter schnell finden was sie brauchen.
  • Governance & Privacy: Compliance-Tools für DSGVO und andere regulatorische Anforderungen, Zugriffskontrolle und Datenschutz.

Das Kundenprofil ist enterprise: 9 der Fortune 10, 84 der Fortune 100 und 923 Unternehmen aus dem Global 2000. Kein einzelner Kunde macht mehr als 3% des Umsatzes aus. 116 Kunden gaben zum Zeitpunkt des S-1 mehr als eine Million Dollar Subscription-ARR pro Jahr aus.

Outlook

Die Zahlen sind stark. Subscription-ARR wächst von Jahr zu Jahr: 310 Millionen Dollar Ende 2018, 446 Millionen Ende 2019, 607 Millionen Ende 2020, 686 Millionen zum 30. Juni 2021. Die Subscription Net Retention Rate lag bei 116% zum zweiten Quartal 2021, was bedeutet: Bestehende Kunden geben im Schnitt 16% mehr aus als im Vorjahr. Cloud-ARR wächst noch schneller, mit 39% im Jahresvergleich.

Gleichzeitig ist Informatica noch nicht profitabel im GAAP-Sinne. Der Nettoverlust lag bei 168 Millionen Dollar in 2020. Der bereinigte EBITDA war jedoch positiv bei 400 Millionen Dollar in 2020, eine Marge von über 30%. Die hohen buchhalterischen Verluste kommen vor allem aus Abschreibungen auf immaterielle Vermögenswerte aus dem PE-Buyout und Zinsaufwendungen auf die erhebliche Schuldenlast von rund 2,8 Milliarden Dollar. Teile des IPO-Erlöses sollen dazu dienen, diese Schulden zu reduzieren.

Die Strategie ist klar: Mehr Kunden gewinnen, bestehende Kunden zu mehr Produkten bewegen und die Cloud-Migration weiter beschleunigen. Besonders das Cloud-Segment ist der Wachstumstreiber. Mit 264 Millionen Dollar Cloud-ARR zum zweiten Quartal 2021 wächst dieser Bereich am schnellsten und hat das höchste Margenpotenzial.

Das Risiko liegt in der Wettbewerbssituation. Hyperscaler wie AWS und Google bauen eigene Datenmanagement-Dienste aus und könnten Teile des Markts besetzen. Zudem ist die Schuldenlast erheblich, auch nach dem Börsengang.

Details zum IPO

Informatica hat einen Preisrahmen für den IPO im S-1 noch nicht festgelegt. Das maximale Emissionsvolumen wurde für Registrierungszwecke auf 100 Millionen US-Dollar geschätzt, was aber nicht dem tatsächlichen Volumen entspricht. Konsortialführer sind Goldman Sachs und J.P. Morgan, unterstützt durch BofA Securities und Citigroup sowie mehrere weitere Banken.

Die Erlöse sollen primär zur Rückzahlung von Verbindlichkeiten aus dem First Lien und Second Lien Credit Agreement eingesetzt werden. Der Rest fließt in allgemeine Unternehmenszwecke und mögliche Akquisitionen, obwohl Informatica zum Zeitpunkt des S-1 keine konkreten Übernahmeziele nennt.

Die Aktienstruktur nach dem Börsengang ist dreigeteilt (Class A, B-1 und B-2). Die Sponsoren Permira und CPP Investments behalten die Mehrheit der Stimmrechte. Informatica wird offiziell ein "Controlled Company" im Sinne der NYSE-Regularien.

Bewertungskriterien

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Subscription ARR wächst mit starkem CAGR von 42% zwischen 2015 und 2021, bei gleichzeitig hoher Net Retention Rate von 116%

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Starke Enterprise-Kundenbasis mit 84 der Fortune 100 und strukturell stickyem Geschäftsmodell

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Cloud-ARR wächst mit 39% am schnellsten und treibt die Margeverbesserung langfristig

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Führende Gartner Magic Quadrant Positionen in 5 Datenverwaltungskategorien unterstreichen technologische Breite

Erhebliche Schuldenlast von rund 2,8 Milliarden Dollar, die das GAAP-Ergebnis massiv belastet

Permira und CPP Investments behalten nach dem Börsengang die Mehrheit der Stimmrechte, neue Aktionäre haben kaum Einfluss

Konkurrenzdruck durch Hyperscaler AWS, Google und Microsoft, die eigene Datenmanagement-Dienste ausbauen

Gesamtumsatzwachstum von nur 1% in 2020 zeigt, dass der Umbau zum Cloud-Modell auf Kosten des Gesamtwachstums geht