Palantir Technologies IPO: Der Daten-Gigant wagt den Gang an die Börse

Palantir Technologies baut Softwareplattformen für Geheimdienste, Militär und Großunternehmen weltweit. Mit Gotham und Foundry bedient das Unternehmen 125 Kunden in 36 Branchen und über 150 Ländern. Der Börsengang erfolgt als Direct Listing an der NYSE unter dem Ticker PLTR.
Overview
Palantir Technologies ist eines der geheimnisvollsten Technologieunternehmen der Welt. Gegründet 2003 von Alexander Karp, Stephen Cohen und Peter Thiel, hat Palantir jahrelang im Verborgenen Software für US-Geheimdienste und das Militär gebaut. Jetzt wagt das Unternehmen den Schritt an die Börse. Aber nicht auf dem klassischen Weg: Palantir macht ein Direct Listing an der NYSE unter dem Ticker PLTR. Das heißt: keine neuen Aktien, keine Investmentbanken als Konsortialführer, keine Roadshow. Bestehende Aktionäre können ihre Anteile direkt an der Börse verkaufen.
Der Zeitpunkt ist bemerkenswert. Mitten in der Corona-Pandemie hat Palantir im ersten Halbjahr 2020 den Umsatz um 49% gesteigert und gleichzeitig die Verluste deutlich reduziert. Die Plattformen des Unternehmens werden unter anderem bei der Bekämpfung der Pandemie eingesetzt. Palantir will mit dem Listing vor allem Liquidität für Mitarbeiter und Investoren schaffen, die teilweise seit über 17 Jahren an Bord sind.
Management zum Zeitpunkt des IPOs
An der Spitze von Palantir steht Mitgründer und CEO Alexander Karp. Karp ist promovierter Philosoph, kein klassischer Tech-Gründer. Er hat das Unternehmen seit der Gründung 2003 geführt und ist für seinen unkonventionellen Führungsstil bekannt. Palantir selbst beschreibt ihn als unverzichtbar für das Wachstum der letzten 17 Jahre.
Mitgründer Stephen Cohen verantwortet die technische Seite. Peter Thiel, der dritte Gründer und bekannt als erster externer Facebook-Investor, sitzt im Board of Directors. Die drei Gründer behalten nach dem Listing durch eine besondere Aktienstruktur die Kontrolle über das Unternehmen: Neben Class-A-Aktien (1 Stimme) und Class-B-Aktien (10 Stimmen) gibt es die neue Class-F-Aktie mit variablem Stimmrecht. Diese wird ausschließlich von den Gründern über einen Voting Trust gehalten. Das Ergebnis: Die drei Gründer kontrollieren zusammen bis zu 49,999999% aller Stimmrechte, egal wie viele Aktien im Umlauf sind. Eine faktische Sperrminorität auf Lebenszeit.
Branche
Palantir bewegt sich im Markt für Enterprise-Software und Big-Data-Analyse. Das Unternehmen schätzt den adressierbaren Gesamtmarkt (TAM) auf rund 119 Milliarden US-Dollar: 56 Milliarden im kommerziellen Sektor und 63 Milliarden im Regierungssektor.
Die Konkurrenz ist vielfältig. Im Regierungsbereich stehen klassische Rüstungs- und IT-Dienstleister wie Raytheon, Booz Allen Hamilton und Leidos im Wettbewerb. Im kommerziellen Bereich konkurriert Palantir mit Enterprise-Softwareanbietern wie SAP, Oracle und IBM sowie spezialisierten Datenanalyse-Plattformen wie Splunk, Snowflake und Databricks. Dazu kommen die internen IT-Abteilungen großer Unternehmen, die oft eigene Lösungen bevorzugen.
Palantir profitiert von einem klaren Rückenwind: Immer mehr Organisationen erkennen, dass ihre fragmentierten IT-Systeme und Datensilos sie ausbremsen. Die Pandemie hat diesen Druck zusätzlich verstärkt. Gleichzeitig wächst die staatliche Nachfrage nach Software für Cybersicherheit, Verteidigung und Datenanalyse. Der Gegenwind kommt aus der öffentlichen Debatte über Überwachungstechnologie und Datenschutz. Palantirs Arbeit mit Geheimdiensten und Grenzschutzbehörden ist politisch umstritten.
Produkte
Palantir hat zwei zentrale Softwareplattformen entwickelt:
- •Gotham: Die ursprüngliche Plattform, gebaut für Geheimdienste und Militär. Gotham erkennt Muster in riesigen Datensätzen, von Geheimdienstberichten bis zu Signaldaten. US-Soldaten nutzen die Software für Einsatzplanung und Terrorismusbekämpfung. Inzwischen wird Gotham auch in anderen Regierungsbereichen eingesetzt.
- •Foundry: Die kommerzielle Plattform. Foundry verbindet die fragmentierten Datensysteme eines Unternehmens zu einem zentralen Betriebssystem für Daten. Alle kommerziellen Kunden und mehrere Regierungskunden nutzen inzwischen Foundry.
- •O&M Services: Laufender Betrieb und Wartung der Plattformen beim Kunden. Die Installationszeit hat sich seit Q2 2019 um das Fünffache verkürzt: Im Durchschnitt dauert es nur noch 14 Tage, in manchen Fällen sogar nur 6 Stunden.
Im ersten Halbjahr 2020 nutzen 125 Kunden die Plattformen, darunter einige der wichtigsten Regierungs- und Unternehmensorganisationen der Welt. Die Software ist in über 150 Ländern und 36 Branchen im Einsatz. Der durchschnittliche Umsatz pro Kunde lag 2019 bei 5,6 Millionen US-Dollar. Bei den Top-20-Kunden waren es sogar 24,8 Millionen. Diese Top-Kunden sind im Schnitt seit 6,6 Jahren an Bord.
Outlook
Palantir zeigt deutliche Verbesserungen in der operativen Effizienz. Die Contribution Margin (Deckungsbeitragsmarge) hat sich von 14% im Jahr 2018 auf 48% im ersten Halbjahr 2020 mehr als verdreifacht. Bereinigt um Aktienbasierte Vergütung war Palantir im ersten Halbjahr 2020 sogar erstmals profitabel: 17,2 Millionen US-Dollar Nettogewinn (exklusive SBC).
Die Strategie ist klar: Mehr kommerzielle Kunden gewinnen, innerhalb bestehender Kunden wachsen, und das Standardbetriebssystem für Daten in der gesamten US-Regierung werden. Dazu kommen internationale Expansion mit US-Verbündeten und neue Partnerschaften wie die Skywise-Kooperation mit Airbus für die Luftfahrtbranche.
Die Risiken sind allerdings real. Palantir ist seit der Gründung 2003 noch nie profitabel gewesen (inklusive SBC). Der Nettoverlust lag 2019 bei 579,6 Millionen US-Dollar. Dazu kommt die starke Abhängigkeit von wenigen Großkunden: Die drei größten Kunden machten 2019 rund 28% des Umsatzes aus. Und der Verkaufszyklus ist lang und unberechenbar, oft dauert er sechs bis zwölf Monate.
Details zum IPO
Palantir wählt für den Börsengang ein Direct Listing an der NYSE unter dem Ticker PLTR. Anders als bei einem klassischen IPO gibt es keine Konsortialbanken, keine Festlegung eines Emissionspreises und keine neuen Aktien. Stattdessen können bestehende Aktionäre ihre Class-A-Aktien direkt an der Börse verkaufen. Den Eröffnungskurs bestimmt ein Designated Market Maker (DMM) der NYSE auf Basis gesammelter Kauf- und Verkaufsorders, unterstützt von einem Finanzberater.
Im privaten Handel lagen die Preise für Palantir-Aktien zwischen 4,19 und 8,50 US-Dollar pro Aktie im Zeitraum Januar bis August 2020. Der volumengewichtete Durchschnittspreis lag bei 5,35 US-Dollar. Palantir weist aber ausdrücklich darauf hin, dass diese Preise wenig Bezug zum späteren Börsenhandel haben könnten.
Die dreistufige Aktienstruktur mit Class A, B und F sichert den drei Gründern Alexander Karp, Stephen Cohen und Peter Thiel faktisch die permanente Kontrolle über das Unternehmen. Rechtliche Berater waren Wilson Sonsini Goodrich & Rosati.
Bewertungskriterien
Marktführer bei Datenanalyse-Software für Geheimdienste und Militär mit 17 Jahren Erfahrung
Starkes Umsatzwachstum von 49% im H1 2020 bei gleichzeitig deutlich verbesserten Margen (Contribution Margin 48%)
Langfristige Kundenbeziehungen: Top-20-Kunden im Schnitt 6,6 Jahre an Bord, 5,6 Mio. Dollar durchschnittlicher Jahresumsatz
Adressierbarer Markt von 119 Milliarden US-Dollar über Regierung und Privatwirtschaft
Seit Gründung 2003 noch nie profitabel (579,6 Mio. Dollar Nettoverlust 2019), hohe aktienbasierte Vergütung von 242 Mio. Dollar in 2019
Extreme Gründerkontrolle durch dreistufige Aktienstruktur (Class F mit variablem Stimmrecht), kein Mitspracherecht für normale Aktionäre
Starke Kundenkonzentration: Top 3 Kunden machen 28% des Umsatzes aus, Verlust eines Großkunden hätte massive Auswirkungen
Politisch umstrittene Arbeit mit Geheimdiensten und Grenzschutzbehörden, regelmäßig negative Medienberichterstattung und Proteste