Rent the Runway IPO: Der geteilte Kleiderschrank geht an die Börse

Rent the Runway IPO: Der geteilte Kleiderschrank geht an die Börse
Ticker: RENT🌐Gründung: 2009Konsum🏷️

Overview

Rent the Runway reichte am 4. Oktober 2021 seinen S-1 bei der SEC ein und plant die Erstnotiz an der Nasdaq unter dem Ticker-Symbol RENT. Das Unternehmen aus Brooklyn, New York, hat eine einfache, aber radikale Idee umgesetzt: Frauen sollen Designermode mieten statt kaufen. Was 2009 mit einem einzigen Kleid begann, ist heute die weltgrößte geteilte Designergarderobe mit über 18.000 Styles von mehr als 750 Marken.

Der Zeitpunkt des Börsengangs ist kein Zufall. 2021 ist das erste Jahr nach dem COVID-Schock, in dem RTR wieder Fahrt aufnimmt. Die Abonnentenzahl stieg von 54.797 Ende Geschäftsjahr 2020 auf 97.614 zum 31. Juli 2021. Das Unternehmen nutzt dieses Momentum, um frisches Kapital zu sichern und Schulden abzubauen. Die Botschaft an den Markt: RTR hat die Pandemie überlebt und ist stärker daraus hervorgegangen.

Der Börsengang schreibt außerdem ein kleines Stück Wirtschaftsgeschichte. Mit Jennifer Hyman als CEO, Scarlett O'Sullivan als General Counsel und einer Frau als COO wird RTR das erste IPO mit einer weiblichen CEO, CFO und COO in der Geschichte der US-Börsen.

Management zum Zeitpunkt des IPOs

An der Spitze steht Mitgründerin und CEO Jennifer Y. Hyman, die das Unternehmen seit der Gründung 2009 führt. Die Idee entstand, als sie ihre Schwester beobachtete, die sich ein teures Kleid kaufte, das sie sich eigentlich nicht leisten konnte. Hyman gilt als eine der bekanntesten Unternehmerinnen im US-Tech-Sektor und hat RTR durch die Pandemie navigiert, in der das Geschäft zeitweise zum Erliegen kam. Mitgründerin Jennifer Fleiss ist Mitglied des Board of Directors.

Die Dual-Class-Aktienstruktur sieht vor, dass beide Mitgründerinnen und ihre verbundenen Personen alle ausstehenden Class-B-Aktien halten. Jede Class-B-Aktie hat 20 Stimmen, jede Class-A-Aktie eine Stimme. Neue Aktionäre haben damit faktisch nur begrenzten Einfluss auf Unternehmensentscheidungen.

Branche

Der US-Modemarkt hatte laut dem S-1 2020 ein Volumen von 286 Milliarden US-Dollar, davon 107 Milliarden online. Das Online-Segment wächst mit 12% CAGR deutlich schneller als der Gesamtmarkt mit 3% CAGR. Bis 2025 soll der Online-Anteil auf 192 Milliarden Dollar steigen.

Besonders relevant für RTR ist der Secondhand-Markt, der laut GlobalData mit 23% CAGR von 27 Milliarden Dollar in 2020 auf 77 Milliarden Dollar in 2025 wachsen soll. RTR ist hier kein klassischer Secondhand-Anbieter, positioniert sich aber im gleichen Megatrend: Weniger Besitz, mehr Zugang. Der Vergleich zu Spotify und Netflix drängt sich auf.

Direkte Wettbewerber im Modemieten gibt es kaum. Das größte Risiko kommt aus einer anderen Richtung: Fast-Fashion-Plattformen wie Shein und Zara bieten Neuheit zu sehr niedrigen Preisen. Regulatorisch steht RTR wenig unter Druck. Rückenwind kommt hingegen aus dem wachsenden Nachhaltigkeitsbewusstsein: RTR schätzt, dass sein Mietmodell seit 2010 die Produktion von 1,3 Millionen neuen Kleidungsstücken verhindert hat.

Produkte

RTR betreibt drei Kerngeschäfte, die alle auf demselben physischen Inventar aufbauen:

  • Subscription: Abo-Modell mit verschiedenen Preisstufen, z.B. 8 Teile für 135 US-Dollar im Monat. Der Kunde wählt, trägt und gibt zurück. Macht rund 80% des Umsatzes aus. Der durchschnittliche Abonnent trägt RTR-Kleidung 83 Tage pro Jahr.
  • Reserve: Einzelne Mietvorgänge ohne Abo, zum Beispiel für ein Hochzeitskleid oder ein besonderes Event. Flexibler Einstiegspunkt für neue Kunden.
  • Resale: Verkauf von Gebrauchtware aus dem RTR-Bestand. Ergänzendes Standbein, das gleichzeitig die Nachhaltigkeit des Modells unterstreicht.
  • Sortiment: Über 18.000 Styles von mehr als 750 Marken, darunter aktuelle Saison-Kollektionen. RTR beschafft Ware über drei Kanäle: klassischer Großhandel, Share by RTR (Konsignation, also null oder geringe Vorabkosten) und eigene Exclusive Designs, die gezielt auf Haltbarkeit optimiert werden. Der Anteil der kapitalleichten Kanäle (Share by RTR und Exclusive Designs) stieg von 26% in Geschäftsjahr 2019 auf 54% in Geschäftsjahr 2020.

Ungefähr 88% der Kunden wurden organisch gewonnen, also ohne bezahlte Werbung. Seit der Gründung hat RTR weniger als 10% des Umsatzes für Marketing ausgegeben.

Outlook

Die Finanzlage ist noch angespannt. In Geschäftsjahr 2020 (endete Januar 2021) lag der Nettoumsatz bei 157,5 Millionen US-Dollar bei einem Nettoverlust von 171,1 Millionen Dollar. Für die ersten sechs Monate des Geschäftsjahrs 2021 (Februar bis Juli 2021) lag der Umsatz bei 80,2 Millionen Dollar bei einem Nettoverlust von 84,7 Millionen Dollar. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum 2020 lag der Umsatz noch bei 88,5 Millionen Dollar. COVID hat RTR hart getroffen.

Das langfristige Ziel ist klar: Mehr Abonnenten gewinnen, das Sortiment ausbauen, international expandieren und die Effizienz in Logistik und Technologie steigern. Als eines der seltenen Unternehmen, bei dem Nachhaltigkeits- und Geschäftsziele in dieselbe Richtung zeigen (mehr Nutzungen pro Kleidungsstück = gut für Marge und Umwelt), hat RTR ein strukturell überzeugend klingendes Argument. Das Unternehmen hat allerdings noch keine Profitabilität erreicht und ist auf weiteres Kapital angewiesen.

Ein konkretes Risiko: Interne Kontrollen über die Finanzberichterstattung wiesen zum Zeitpunkt des S-1 materielle Schwächen auf, die noch nicht vollständig behoben waren.

Details zum IPO

Rent the Runway plant die Erstnotiz an der Nasdaq unter dem Ticker-Symbol RENT. Ein konkreter Emissionspreis und die genaue Aktienanzahl wurden im ursprünglichen S-1 noch nicht festgelegt. Als Konsortialführer wurden Goldman Sachs, Morgan Stanley und Barclays mandatiert, unterstützt durch Credit Suisse und Piper Sandler.

Die Erlöse sollen in erster Linie für Wachstum, die Rückzahlung von Verbindlichkeiten und allgemeine Unternehmenszwecke eingesetzt werden. Die Dual-Class-Struktur (zwei Aktienklassen mit unterschiedlichen Stimmrechten) sichert beiden Mitgründerinnen die Stimmrechtsmehrheit über Class-B-Aktien mit 20 Stimmen pro Aktie.

Bewertungskriterien

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Marktführer in einem neuen Segment mit hohen Eintrittsbarrieren durch 12 Jahre Inventaraufbau, proprietäre Logistik-Technologie und 750+ Markenpartnerschaften

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Starke organische Wachstumsdynamik mit rund 88% organisch gewonnenen Kunden und weniger als 10% Umsatzanteil für Marketing

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Nachhaltigkeitsargument und Abo-Modell mit etwa 80% wiederkehrendem Umsatz sind strukturell attraktiv und zeitgemäß

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Erholung nach COVID deutlich sichtbar: Aktive Abonnenten stiegen von 54.797 auf 97.614 innerhalb von sechs Monaten

Anhaltend hohe Nettoverluste: 153,9 Millionen Dollar in FY2019 und 171,1 Millionen Dollar in FY2020 ohne klares Profitabilitätsdatum

Dual-Class-Struktur gibt neuen Aktionären faktisch keinen Einfluss auf Unternehmensentscheidungen

Materielle Schwächen in der internen Finanzkontrolle wurden zum Zeitpunkt des S-1 noch nicht vollständig behoben

Stark abhängig von der Entwicklung des US-Modekonsums und anfällig für weitere externe Schocks wie Pandemien oder wirtschaftliche Abschwünge