Overview
Die Geschichte von WhiteFiber beginnt nicht in einer Garage, sondern als Geschäftsbereich der Krypto-Gruppe Bit Digital. Bit Digital betrieb ursprünglich Bitcoin-Mining-Rechenzentren in den USA, Kanada und Island. Mit dem Boom generativer KI ab Ende 2022 wuchs der Bedarf an spezialisierter Rechenkapazität rasant, während Bitcoin-Mining nach dem Halving 2024 deutlich an wirtschaftlicher Attraktivität verlor. Bit Digital baute deshalb 2024 unter Führung von CEO Sam Tabar einen eigenen Geschäftsbereich für Hochleistungsrechner und GPU-Cloud-Dienste auf und stellte ihn im Februar 2025 unter dem Namen WhiteFiber neu auf.
Den entscheidenden Sprung machte das Unternehmen im Oktober 2024 mit der Übernahme des kanadischen Rechenzentrumsbetreibers Enovum für rund 46 Millionen Dollar. Enovum brachte ein voll ausgelastetes Tier-3-Rechenzentrum in Montreal sowie ein Entwicklungsteam mit über 20 Jahren Erfahrung im Bau und Betrieb von Hochleistungsrechenzentren ein. Damit konnte WhiteFiber neben dem GPU-Cloud-Geschäft eigene Rechenzentrumskapazitäten anbieten und sich als vertikal integrierter Anbieter positionieren.
Im August 2025 ging WhiteFiber als Carve-out von Bit Digital an die Nasdaq. Die Mutter behielt zunächst rund 71,5 Prozent der Anteile. Das Unternehmen ist als Cayman-Islands-Gesellschaft strukturiert, hat aber seinen operativen Hauptsitz in Hudson Yards in New York und Standorte in Montreal, Island und North Carolina. Mit dem Aufbau des Großstandorts NC-1 in Madison, North Carolina, will sich WhiteFiber als feste Größe im wachsenden Neocloud-Segment etablieren.
Management
Seit Februar 2025 leitet Sam Tabar WhiteFiber als CEO. Tabar verbindet damit die Doppelrolle als Vorstandschef von Bit Digital und WhiteFiber. Er studierte an der Universität Oxford und schloss anschließend ein Jurastudium an der Columbia Law School in New York ab. Vor seiner Zeit bei Bit Digital arbeitete Tabar als Anwalt bei Skadden Arps und leitete später bei Bank of America Merrill Lynch das Capital-Strategy-Geschäft im asiatisch-pazifischen Raum.
Erke Huang fungiert als CFO und sitzt zugleich im Vorstand von Bit Digital. Vor seinem Wechsel in die Krypto- und KI-Industrie war er in verschiedenen Investment- und Gründungsrollen aktiv. Die technische Leitung übernimmt Thomas Sanfilippo als CTO. Sanfilippo bringt umfassende Erfahrung im Aufbau von GPU-Cloud-Plattformen mit. Zuvor verantwortete er die Infrastruktur bei DigitalOcean und dem Cloud-Anbieter Paperspace. Den Bereich Rechenzentren leitet Billy Krassakopoulos als President. Er gründete den Hosting-Anbieter Netelligent in Kanada und führte später Enovum, dessen Übernahme die Grundlage für das heutige Colocation-Geschäft bildet.
Finanzdaten
Branche
WhiteFiber bewegt sich im Markt für KI-Infrastruktur, in dem sich mit dem Aufstieg generativer KI eine eigene Anbieterklasse herausgebildet hat. Branchenanalysten haben dafür den Begriff Neoclouds geprägt. Diese Anbieter unterscheiden sich von Hyperscalern wie AWS, Microsoft Azure oder Google Cloud durch ihre ausschließliche Spezialisierung auf rechenintensive KI-Workloads. Synergy Research Group erwartet, dass Neocloud-Umsätze bis 2030 auf rund 180 Milliarden Dollar anwachsen. Für 2025 schätzten die Analysten das Marktvolumen auf etwa 24 Milliarden Dollar.
Die Konkurrenz innerhalb dieses Segments ist beträchtlich. Marktführer ist CoreWeave, das im März 2025 selbst an die Nasdaq ging und mehrere Milliarden Dollar Jahresumsatz erzielt. Weitere große Akteure sind Lambda Labs, Nebius als Abspaltung des russischen Tech-Konzerns Yandex, Crusoe sowie der britische Anbieter Nscale. Hinzu kommen ehemalige Bitcoin-Miner wie Core Scientific, IREN, Hut 8 und TeraWulf, die ihre Strom- und Standortinfrastruktur zunehmend auf KI-Hosting umstellen.
WhiteFiber spielt in dieser Liga nicht in der ersten Reihe. Mit einem Jahresumsatz im hohen zweistelligen Millionenbereich und rund 80 Mitarbeitern bewegt sich das Unternehmen eher im Mittelstand des Segments. Die Strategie der vertikalen Integration aus GPU-Cloud und eigenen Rechenzentren soll dabei helfen, sich von reinen Cloud-Anbietern zu differenzieren. Ob dieser Ansatz langfristig gegen die Skaleneffekte der Marktführer und die Ressourcen der Hyperscaler bestehen kann, gehört zu den zentralen offenen Fragen.
Produkte und Services
WhiteFiber gliedert sein Geschäft in zwei Segmente. Die Cloud Services bilden das größere Standbein. Sie stellen Kunden Rechenkapazität auf NVIDIA-GPUs der Generationen H100, H200, B200 und GB200 bereit. Die Modelle reichen von einzelnen virtuellen Maschinen bis zu reservierten Bare-Metal-Clustern für das Training großer KI-Modelle. Diese Services laufen überwiegend in einem Drittanbieter-Rechenzentrum in Island, dessen kostengünstige Wasserkraft einen Wettbewerbsvorteil bei den Stromkosten verschafft.
Das zweite Segment Colocation Services wird über die Tochter Enovum betrieben, die seit der Übernahme im Oktober 2024 zum Konzern gehört. Hier vermietet WhiteFiber Stellfläche, Strom und Kühlung in eigenen Tier-3-Rechenzentren. Im Großraum Montreal betreibt das Unternehmen die Standorte MTL-1, MTL-2 und MTL-3 mit insgesamt rund 15 Megawatt IT-Last. Auf MTL-3 hat sich der KI-Chiphersteller Cerebras Systems im Februar 2025 für fünf Jahre Kapazität in Höhe von 5 Megawatt gesichert.
Den nächsten Wachstumsschritt stellt der Großstandort NC-1 in Madison, North Carolina, dar. Auf einem rund 39 Hektar großen Gelände entsteht ein Rechenzentrum mit zunächst 24 Megawatt, ausbaufähig auf bis zu 200 Megawatt. Den Ankermieter stellt der britische KI-Infrastruktur-Anbieter Nscale, der im Dezember 2025 einen Zehnjahresvertrag über 40 Megawatt unterschrieben hat. Der Vertrag hat ein Gesamtvolumen von rund 865 Millionen Dollar und soll ab Frühjahr 2026 erste Erlöse generieren.
