Rekordmärkte und Zinsangst gleichzeitig – wie passt das zusammen?

Rekordmärkte und Zinsangst gleichzeitig – wie passt das zusammen?

Der Mai endet mit Rekordhochs – und einem Warnsignal

Der S&P 500 schloss den Mai 2026 bei 7.580 Punkten, einem neuen Allzeithoch. Der Nasdaq gewann im Monatsverlauf rund 8 Prozent und beendete den Mai bei 26.972 Punkten. Auch der Dow Jones Industrial Average schrieb Geschichte und überschritt erstmals die Marke von 51.000 Punkten. Beide großen Indizes verzeichneten damit ihre stärkste Monatsperformance seit 2020.

So weit, so gut. Doch gleichzeitig passiert etwas, das Anleger aufhorchen lassen sollte. Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung durch die US-Notenbank Federal Reserve im Juli 2026 lag vor einem Monat noch bei rund 1 Prozent. Jetzt sind es etwa 11 Prozent, nach zwischenzeitlich noch höheren Werten. Der Markt preist also ein Szenario ein, das vor wenigen Wochen noch niemand ernsthaft auf dem Schirm hatte. Allzeithochs und Zinserhöhungsangst zur gleichen Zeit, das klingt nach einem Widerspruch. Ist aber keiner, wenn man die Hintergründe versteht.

Warum die Märkte trotzdem gestiegen sind

Der Mai war kein ruhiger Monat. Die Eskalation im US-Iran-Krieg, Ölpreisschwankungen zwischen 87 und über 100 Dollar pro Barrel, ein neuer Fed-Chef und zwischendurch echte Nervosität an den Anleihemärkten. Trotzdem stiegen die Aktienmärkte. Drei Faktoren erklären das.

Erstens war die Quartalssaison stark. Tech-Konzerne lieferten solide Zahlen, Dell Technologies explodierte nach seinem Quartalsbericht um fast 33 Prozent an einem einzigen Tag. Micron Technology überschritt erstmals in seiner Geschichte eine Marktkapitalisierung von einer Billion Dollar (ca. 920 Milliarden Euro). Die Unternehmensgewinne stützen die Bewertungen.

Zweitens gab es Hoffnung auf einen US-Iran-Deal. Sobald Signale aus Washington kamen, dass Verhandlungen Fortschritte machen, fiel der Ölpreis spürbar. Weniger Öl bedeutet weniger Inflationsdruck bedeutet weniger Druck auf die Fed. Der Markt handelt Wahrscheinlichkeiten, nicht Gewissheiten, und die Wahrscheinlichkeit eines Deals ist gestiegen.

Drittens sorgte der neue Fed-Chef Kevin Warsh zunächst für Erleichterung. Trump hatte ihn im Januar nominiert, der Senat bestätigte ihn am 13. Mai mit 54 zu 45 Stimmen, knapper als jede Fed-Bestätigung zuvor. Am 22. Mai wurde er im Weißen Haus vereidigt. Warsh gilt als erfahren und marktkundig, er saß der Fed während der Finanzkrise 2008 bereits vor. Kein Unbekannter, kein Hasardeur.

Das neue Fed-Problem heißt Kevin Warsh

Warsh übernimmt in einem Moment, der schwieriger kaum sein könnte. Die Kerninflation liegt hartnäckig über dem Fed-Ziel von 2 Prozent. Ölpreisschocks durch den Iran-Krieg haben die Gesamtinflation nach oben getrieben. Der Fed-Leitzins liegt aktuell bei 3,50 bis 3,75 Prozent, und die ursprüngliche Erwartung von vier Zinssenkungen in 2026 ist längst Geschichte. Realistisch ist mittlerweile bestenfalls eine einzige Senkung, und das frühestens im Herbst.

Warsh war angetreten mit dem Image eines Mannes, der Zinsen senken will. Trump hatte ihn unter anderem deshalb nominiert. Doch die Wirtschaft spielt nicht mit. Boston-Fed-Präsidentin Susan Collins formulierte es jüngst klipp und klar: Mehr als fünf Jahre Inflation über dem Zielwert hätten ihre Geduld für das Ignorieren neuer Preisschocks erschöpft. Marktanalyst Ed Yardeni, der den Begriff der "Bond Vigilantes" geprägt hat, schreibt in einer aktuellen Note: Am Steuer der Geldpolitik sitzen gerade nicht die Fed-Gouverneure, sondern die Anleihemärkte. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt bei 4,44 Prozent, genug um Unternehmenskredite und Hypotheken teurer zu machen.

Die erste FOMC-Sitzung unter Warsh-Führung findet am 16. und 17. Juni statt. Erwartet wird, dass er die Zinsen vorerst hält. Aber die Sprache, die er wählt, wird Märkte bewegen.

Was steigende Zinsen für Aktien bedeuten würden

An dieser Stelle lohnt ein kurzer Exkurs für alle, die noch nicht so lange dabei sind. Warum ist eine Zinserhöhung schlecht für Aktien, wenn die Wirtschaft doch eigentlich läuft?

Höhere Zinsen bedeuten, dass sichere Anlagen wie Staatsanleihen attraktiver werden. Wer 4,5 oder 5 Prozent Zinsen ohne Risiko bekommt, fordert bei Aktien eine höhere erwartete Rendite, also niedrigere Bewertungen. Besonders betroffen sind Wachstumstitel, deren Gewinne erst in der Zukunft liegen. Sie werden stärker abgezinst und sind damit heute weniger wert. Der Nasdaq, der stark von solchen Unternehmen geprägt ist, reagiert deshalb besonders sensibel auf Zinserwartungen.

Dazu kommt ein praktischer Effekt. Höhere Zinsen verteuern Unternehmenskredite. Wer sich zum Wachsen Geld leiht, zahlt mehr. Margen schrumpfen. Für hochverschuldete Unternehmen kann das existenziell werden.

Was das für Anleger jetzt konkret bedeutet

Der Mai-Rally zum Trotz gibt es klare Risiken, die Anleger kennen sollten. Der S&P 500 notiert auf Allzeithoch, also zu einer Bewertung, die viel Optimismus einpreist. Ein unerwarteter Inflationsanstieg oder ein hartes Signal von Warsh in Richtung Zinserhöhung könnte schnell für Gegenwind sorgen.

Wer jetzt einsteigt oder seinen Aktienanteil erhöhen will, sollte das Zinsumfeld im Blick behalten. In einem Umfeld, in dem eine Erhöhung möglich ist, haben Dividenden-Aktien und Value-Titel strukturell Vorteile gegenüber hoch bewerteten Wachstumswerten. Auch Cash und kurzlaufende Anleihen bieten aktuell wieder echten Ertrag. Für Euro-Anleger kommt der Währungseffekt dazu: Ein starker Dollar verteuert den Einstieg in US-Aktien, stärkt aber gleichzeitig die Rendite bereits gehaltener Positionen bei der Rückrechnung in Euro.

Wer schon länger investiert ist, kann sich über einen starken Monat freuen. Wer frisch anlegen will, sollte die nächsten Wochen nicht ignorieren.

Die erste Warsh-Sitzung am 16. Juni wird richtungsweisend

Am 16. und 17. Juni tritt das FOMC zum ersten Mal unter dem neuen Vorsitz zusammen. Vorher erscheinen noch der Inflationsbericht für Mai sowie neue Arbeitsmarktdaten. Wenn diese Daten überraschend heiß ausfallen, könnte die Zinserhöhungswahrscheinlichkeit für Juli weiter steigen.

Was Warsh in seiner ersten Pressekonferenz als Fed-Chef sagen wird, weiß noch niemand. Klar ist, dass er unter Beobachtung steht wie kaum ein Fed-Chef vor ihm. Die Märkte wollen wissen, ob er wirklich unabhängig agiert oder ob Trumps Forderungen nach Zinssenkungen irgendwo Eindruck hinterlassen haben. Diese Frage wird sich nicht in einem einzigen Statement beantworten lassen, aber die Richtung dürfte sich Mitte Juni abzeichnen.

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Unsere Einschätzung: Die Rekordhochs im Mai sind real und verdient. Die Unternehmensgewinne stimmen, die Tech-Rally hat Substanz. Aber der Widerspruch zwischen Allzeithochs und einer Zentralbank, die zunehmend über Zinserhöhungen nachdenkt, ist kein Zufall. Wer jetzt investiert, kauft zu Höchstpreisen in ein Umfeld, das sich schnell drehen kann. Das ist kein Argument gegen Aktien, aber ein Argument für einen klaren Kopf.