Mini-Atomkraftwerke und Uran als neues Anlagethema

Kleine modulare Reaktoren gelten als möglicher Neustart der Kernenergie. Ein Blick auf NuScale Power, Oklo und Cameco zeigt, was Anleger derzeit beachten sollten.

Die Rückkehr der Atomkraft hat einen neuen Namen

Atomkraft ist zurück als Börsenthema, und zwar in einer Form, die vor wenigen Jahren kaum jemand auf dem Radar hatte. Kleine modulare Reaktoren, kurz SMRs für Small Modular Reactors, sollen die Probleme klassischer Großkraftwerke lösen. Statt zwölf Jahren Bauzeit und Milliardenbudgets versprechen die Anbieter fabrikgefertigte Module mit 10 bis 300 Megawatt Leistung, schneller aufgebaut und flexibler einsetzbar.

Die Aktienkurse haben diese Erzählung spektakulär eingepreist. NuScale Power hat seit Anfang 2024 mehr als 400 Prozent zugelegt, Oklo sogar rund 600 Prozent. In der Spitze lagen beide Titel zeitweise über 1.000 Prozent im Plus. Auch Cameco, der kanadische Uranproduzent, erreichte im Januar 2026 ein Allzeithoch von etwa 117 US-Dollar. Der Global X Uranium ETF sammelte in den vergangenen zwölf Monaten 120 Prozent Rendite ein und verwaltet inzwischen 7,6 Milliarden Dollar.

Seit Jahresbeginn 2026 mischt sich Ernüchterung unter die Euphorie. NuScale und Oklo haben jeweils rund 20 Prozent nachgegeben, NuScale vom Hoch sogar fast 80 Prozent. Dafür gibt es konkrete Gründe, und genau die machen das Anlagethema gerade spannend.

Was SMRs sind und warum Big Tech sie will

Ein SMR ist ein Kernreaktor, der in der Fabrik vormontiert wird und als modulare Einheit an den Einsatzort kommt. Die Leistung liegt pro Modul typischerweise zwischen 10 und 300 Megawatt elektrischer Leistung. Zum Vergleich, ein klassisches AKW wie Isar 2 hatte 1.410 Megawatt. Mehrere SMR-Module lassen sich zu einem größeren Kraftwerk kombinieren, etwa bei NuScales VOYGR, die auf bis zu 924 Megawatt ausgelegt ist.

Der Druck auf dem Markt kommt weniger aus der klassischen Stromversorgung als aus dem Tech-Sektor. Rechenzentren für künstliche Intelligenz brauchen rund um die Uhr stabile, emissionsarme Energie in enormen Mengen. Amazon Web Services hat bereits 650 Millionen US-Dollar in ein Rechenzentrum neben dem Atomkraftwerk Susquehanna in Pennsylvania investiert. Google kooperiert mit Kairos Power bei neuen SMR-Designs. Meta schließt langfristige Stromlieferverträge ab. Microsoft hat das stillgelegte AKW Three Mile Island reaktivieren lassen.

Für die SMR-Hersteller ist das eine Nachfragewelle, die sich noch vor wenigen Jahren niemand hätte vorstellen können. Oklo meldete im dritten Quartal 2025 eine Kundenpipeline von rund 14 Gigawatt, das meiste davon aus dem Rechenzentrums-Sektor. Der globale SMR-Markt wurde 2024 auf 5,81 Milliarden Dollar beziffert und soll laut Fortune Business Insights bis 2032 auf 8,37 Milliarden Dollar wachsen. Das ist ein moderates Wachstum auf dem Papier, aber die Zahl unterschätzt vermutlich das tatsächliche Potenzial, falls die ersten Projekte wirklich in Betrieb gehen.

NuScale setzt auf Regulierung, Oklo auf Tempo

NuScale Power ist das einzige Unternehmen mit einer von der US-Atomaufsicht NRC zertifizierten SMR-Design. Das ist ein regulatorischer Vorsprung, den kein Konkurrent bislang eingeholt hat. Der VOYGR-Reaktor basiert auf bewährter Druckwasser-Technologie und liefert 77 Megawatt pro Modul. Im September 2025 kündigte NuScale gemeinsam mit dem US-Versorger Tennessee Valley Authority und dem Partner ENTRA1 ein Programm zur Installation von sechs Gigawatt SMR-Kapazität an. Das ist die größte Einzelankündigung der Branche bisher.

Die Kehrseite kam Anfang 2026 mit ernüchternden Neuigkeiten. Das zentrale Projekt in Rumänien wurde vom ursprünglichen Start 2030 auf 2033 verschoben. Mehrere Analysten haben daraufhin ihre Einstufung gesenkt und auf wachsende Umsetzungs- und Kapitalrisiken verwiesen. Der Umsatz soll von geschätzt 31 Millionen Dollar 2025 auf 287 Millionen Dollar 2028 steigen, der eigentliche Wachstumsschub wird aber erst in den frühen 2030er Jahren erwartet, wenn die ersten Reaktoren laufen. Die Börsenbewertung liegt aktuell bei rund 3,9 Milliarden Dollar, also dem 19-Fachen des für 2027 erwarteten Umsatzes.

Oklo geht einen anderen Weg. Der Aurora-Reaktor ist ein metallgekühlter schneller Reaktor, der ursprünglich als Mikroanlage mit 1,5 Megawatt konzipiert war. Inzwischen wurde das Design auf 75 Megawatt hochskaliert, um den Bedarf von AI-Rechenzentren zu bedienen. Das erste Deployment ist für Ende 2027 in Idaho vorgesehen, aktuell noch ohne sicher kalkulierte Umsätze. Erste Prognosen sehen 16 Millionen Dollar Umsatz für 2027, danach soll es deutlich steigen.

Die Bewertung ist allerdings sportlich. Bei einer Marktkapitalisierung von rund 9,7 Milliarden Dollar handelt Oklo zum mehr als 600-Fachen des für 2027 erwarteten Umsatzes. Dazu kommen Vertrauensrisse auf der Managementebene. CEO und CFO haben zwischen Dezember und Februar Aktien im Wert von mehr als 100 Millionen Dollar verkauft. Für Anleger ist das ein Signal, das man ernst nehmen sollte, auch wenn Insiderverkäufe nicht automatisch ein Verkaufssignal sind.

Cameco ist der stabilere Teil der Wette

Wer das SMR-Thema spielen will, ohne auf Einzelprojekte zu setzen, landet schnell bei Cameco. Das kanadische Unternehmen ist der größte nicht-staatliche Uranproduzent der Welt und liefert den Brennstoff für neue wie alte Reaktoren. Cameco produzierte 2025 rund 21 Millionen Pfund Uran und plant für 2026 bei der Leitmine McArthur River bis zu 17 Millionen Pfund. Die Strategie bleibt bewusst zurückhaltend, die Produktion soll sich an der Nachfrage orientieren statt an kurzfristiger Maximierung.

Der Uranpreis gibt dem Argument Rückenwind. Der Spotpreis lag Anfang 2026 bei etwa 82 US-Dollar pro Pfund. Langfristige Vertragspreise zwischen Produzenten und Versorgern liegen laut Cameco bei rund 90 US-Dollar, mit Potenzial für dreistellige Niveaus. Das Unternehmen hat seine internen Sensitivitätstabellen mittlerweile auf Uranpreise bis 160 US-Dollar pro Pfund erweitert. Das zeigt, wie sehr sich die Planungshorizonte verändert haben.

Hinter dem Preisschub steht ein klassisches Rohstoffthema. Die Nachfrage wächst durch neue Reaktoren, AI-Rechenzentren und die politische Neubewertung von Kernenergie als CO2-armer Grundlast. Das Angebot hingegen stottert. Der weltgrößte Produzent Kazatomprom kämpft mit Säure-Engpässen und veralteter Infrastruktur. Neue Minen brauchen Jahre bis Jahrzehnte von der Entdeckung bis zur Produktion. Diese Lücke sorgt für die Preisfantasie, die den gesamten Sektor trägt.

Für europäische Anleger macht Cameco zusätzlich Sinn, weil westliches Uran zunehmend als strategische Ressource gilt. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine und den Sanktionen gegen Rosatom ist die Versorgungssicherheit außerhalb Russlands und Kasachstans ein politisches Argument. Cameco sitzt in Kanada, einem NATO-Land mit stabilen Minen und direktem Zugang zu den US-Märkten.

Was Anleger jetzt abwägen sollten

Der SMR-Sektor bietet das klassische Profil einer frühen Wachstumsstory. Hohe Chancen, hohe Risiken, und eine Bewertung, die teilweise weit vor der tatsächlichen Umsatzentwicklung liegt. Die entscheidende Frage für die kommenden 18 Monate lautet, wie schnell Unterzeichnungen in realen Umsatz übergehen. Analysten des Institute for Energy Economics & Financial Analysis haben bereits 2024 davor gewarnt, dass SMRs zu teuer, zu langsam und zu riskant seien, um in den nächsten 10 bis 15 Jahren eine zentrale Rolle in der Energiewende zu spielen.

Zwei Risiken stechen heraus. Erstens brauchen NuScale und Oklo deutlich mehr Kapital, um ihre Verträge zu erfüllen. Das bedeutet zusätzliche Kapitalerhöhungen und damit Verwässerung der bestehenden Aktien. Zweitens ist nicht garantiert, dass sich die Technologie im großen Maßstab als wirtschaftlich erweist. Die ersten realen Bauprojekte werden zeigen, ob die angekündigten Kosten und Bauzeiten haltbar sind. Das westliche Projekt, das diesem Test am nächsten ist, ist der BWRX-300 von GE Vernova und OPG in Darlington, Kanada, mit geplanter Inbetriebnahme 2029.

Für wen kommt das Thema infrage? Wer eine hohe Risikotoleranz hat und bereit ist, über zehn Jahre und länger zu denken, kann NuScale oder Oklo als spekulative Beimischung betrachten. Wer lieber auf den Rohstoff setzt und weniger direkte Wettbewerbs- und Technologierisiken tragen will, findet mit Cameco eine solidere Grundlage. Wer breit streuen will, greift zu ETFs wie dem Global X Uranium oder dem Sprott Uranium Miners. Letzterer hält zusätzlich physisches Uran über den Sprott Physical Uranium Trust und bildet den Preis direkter ab, die laufenden Kosten sind allerdings höher.

Ein Wort zur deutschen Perspektive. Deutschland hat mit dem Atomausstieg eine eigene Linie eingeschlagen und wird auf absehbare Zeit keine SMRs bauen. Frankreich, Polen, Tschechien, die Niederlande und Großbritannien setzen dagegen auf neue Reaktoren. Rolls-Royce entwickelt einen eigenen SMR mit 470 Megawatt und hat sich 2025 Aufträge in Polen und Tschechien gesichert. Für Anleger mit europäischem Fokus ist das eine Alternative zu den amerikanischen Pure-Plays.

Unsere Einschätzung: Die Atom-Renaissance ist real, der Nachholbedarf in der Stromerzeugung ebenso. Ob NuScale und Oklo zu den Gewinnern dieser Entwicklung zählen, steht aber noch nicht fest. Die aktuellen Kursverluste zeigen, dass der Markt genauer hinschaut. Cameco und ETF-Lösungen bleiben für die meisten Anleger die sinnvollere Wette. Wer direkt auf SMRs setzt, sollte mit kleineren Positionen arbeiten und die nächsten Quartalszahlen aufmerksam verfolgen.

Der Test beginnt 2027

Die kommenden drei Jahre werden den Sektor sortieren. Oklo plant die erste Inbetriebnahme Ende 2027 in Idaho, NuScale erwartet den Baubeginn für Rumänien ebenfalls später als ursprünglich geplant. GE Vernova und Rolls-Royce haben jeweils eigene Zeitlinien. Wer es zuerst schafft, einen kommerziell laufenden SMR vorzuweisen, wird einen enormen Vertrauensvorsprung erringen.

Parallel dazu entscheidet sich, ob die angekündigten Big-Tech-Verträge in echte Erzeugungsanlagen münden oder wieder leise verschwinden. Microsoft, Amazon, Google und Meta haben bis 2030 kumulierte Strombedarfe in zweistelliger Gigawatt-Höhe angemeldet. Sollte davon auch nur die Hälfte mit SMR-Kapazität gedeckt werden, würde der Markt explodieren. Bleibt die Nachfrage dagegen bei Absichtserklärungen, werden NuScale, Oklo und ihre Wettbewerber länger auf profitables Wachstum warten müssen. Für Anleger heißt das vor allem eines. Geduld mitbringen und Kursrücksetzer nutzen, statt dem Hype hinterherzulaufen.