Tankrabatt 2.0 in Kraft: Ölkonzerne im Vorteil

Seit dem 1. Mai 2026 reduziert der Bund die Spritsteuer um 17 Cent. Die Maßnahme könnte sowohl Verbraucher entlasten als auch Auswirkungen auf Öl- und Energiewerte wie Shell, BP und TotalEnergies haben.

Steuersenkung tritt in Kraft

Seit dem 1. Mai 2026 gilt in Deutschland der zweite Tankrabatt der jüngeren Geschichte. Die Bundesregierung hat die Energiesteuer auf Benzin und Diesel um 14,04 Cent pro Liter gesenkt. Inklusive der darauf entfallenden Mehrwertsteuer ergibt das eine Bruttoentlastung von rund 16,7 Cent, in der politischen Kommunikation gerundet auf 17 Cent. Die Maßnahme läuft bis zum 30. Juni und kostet den Bund nach eigenen Angaben rund 1,6 Milliarden Euro.

Im Bundestag stimmten 451 Abgeordnete für das Zweite Energiesteuersenkungsgesetz, 134 stimmten dagegen. Neben CDU/CSU und SPD sagte auch die AfD ja. Die Linke lehnte ab, die Grünen enthielten sich. Begleitend dürfen Arbeitgeber ihren Beschäftigten in diesem Jahr eine steuer- und abgabenfreie Entlastungsprämie von bis zu 1.000 Euro auszahlen, freiwillig.

Der Effekt am ersten Tag fiel verhalten aus. Laut ADAC sank der Bundesdurchschnitt für Super E10 zum 1. Mai um 13,7 Cent auf 1,989 Euro pro Liter. Diesel verbilligte sich um 13,6 Cent auf 2,063 Euro. An den Tankstellen kommen also vorerst nur etwa 80 Prozent der Steuerentlastung an. Für eine 50-Liter-Tankfüllung ergibt sich daraus eine theoretische Ersparnis von rund 8,30 Euro, sofern die volle Senkung weitergegeben wird. Über die zwei Monate Laufzeit kommt ein Vielfahrer mit Pendlerstrecke auf 60 bis 80 Euro Entlastung. Klingt wenig, ist es auch.

Iran-Krieg treibt die Preise seit Februar

Auslöser für den Tankrabatt ist die Eskalation am Persischen Golf. Seit Ende Februar 2026 herrscht offener Krieg zwischen den USA, ihren Verbündeten und dem Iran. Die Straße von Hormus, durch die rund ein Viertel des weltweit gehandelten Öls fließt, ist seither blockiert. Eine kurzfristige Öffnung gilt als unwahrscheinlich.

Der Markt reagierte heftig. Der Brent-Ölpreis stieg laut ADAC seit Kriegsbeginn um mehr als 70 Prozent. Am 28. April lag das Barrel bei rund 104 US-Dollar oder umgerechnet 89 Euro. An den Zapfsäulen schlug das voll durch. Diesel erreichte Anfang April mit 2,447 Euro pro Liter ein neues Allzeithoch. Super E10 fehlte am 6. April nur ein Cent zum bisherigen Höchststand vom Beginn des Ukraine-Kriegs 2022. Vor dem Iran-Krieg lagen die Preise grob 30 bis 40 Cent niedriger.

Schon zum 1. April hatte die Bundesregierung das sogenannte Österreich-Modell eingeführt. Tankstellen dürfen seither nur noch einmal täglich um 12 Uhr ihre Preise erhöhen, Senkungen bleiben jederzeit erlaubt. Eine Analyse von ZEW Mannheim und DICE kam allerdings zu dem ernüchternden Schluss, dass diese Regel die Preise eher angehoben als gedrückt hat.

Die Bundesregierung hat ihre Konjunkturprognose für 2026 inzwischen halbiert und rechnet nur noch mit 0,5 Prozent Wachstum. Die Inflationsrate ist deutlich gestiegen. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil sprach im Bundestag von einem wichtigen Signal an die Bürger. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU mahnte zugleich, der Staat könne Haushalte und Unternehmen nicht dauerhaft vor hohen Spritpreisen schützen. Sie brachte stattdessen die Anhebung der Pendlerpauschale ins Spiel, fand bislang aber keine breite Mehrheit dafür.

Shell, BP und Total profitieren am stärksten

Während Verbraucher und Bund zahlen, verdienen die großen Mineralölkonzerne in dieser Phase überdurchschnittlich. Höhere Rohölpreise schlagen direkt auf die Margen im Förder- und Handelsgeschäft durch. Die Aktien spiegeln das wider.

Die TotalEnergies-Aktie notierte zuletzt zwischen 72 und 77 Euro. In London bewegten sich BP-Papiere zwischen 5,34 und 5,91 Pfund, Shell-Papiere zwischen 33,68 und 35,44 Pfund. ExxonMobil pendelte an der NYSE um 156 bis 161 US-Dollar, Chevron um 193 bis 199 US-Dollar. Auch der norwegische Konzern Equinor profitierte zeitweise stark, geriet zuletzt aber wegen einer Förderprognose-Senkung unter Druck. Beide US-Konzerne meldeten am 1. Mai Quartalszahlen über den Markterwartungen, wie dpa-AFX berichtete. Insgesamt schnitt der breitere europäische Energie-Sektor seit Anfang März deutlich besser ab als der Gesamtmarkt.

Besonders ein Konzern hat den Krieg geschickt zu Geld gemacht. Nach Bloomberg-Informationen sicherte sich TotalEnergies kurz nach der Hormus-Blockade rund 70 Ladungen Rohöl aus den Emiraten und Oman. Das war mehr als doppelt so viel wie üblich. Der Preis dieser Sorten stieg in den Folgewochen um etwa 140 Prozent. Allein dieser Schachzug brachte den Franzosen über eine Milliarde US-Dollar Extragewinn ein.

Auch die Analysten sind bullish. Barclays-Analystin Lydia Rainforth bestätigte Ende März die Overweight-Einstufungen für die drei europäischen Branchengrößen. Das Kursziel liegt für Shell bei 45 Pfund, für BP bei 6,50 Pfund und für TotalEnergies bei 94 Euro. Damit sieht Barclays bei allen drei Titeln noch zweistelliges Aufwärtspotenzial.

Wer einen Blick auf die Geschäftsmodelle wirft, erkennt aber auch Unterschiede. TotalEnergies investiert seit Jahren konsequent in erneuerbare Energien und betreibt eines der profitabelsten Handelsgeschäfte der Branche. Shell hat im ersten Quartal Federn gelassen, weil eine Gasanlage in Katar von Kriegshandlungen getroffen wurde. Der Konzern korrigierte seine Förderprognose nach unten. Die Q1-Zahlen am 7. Mai werden zeigen, wie stark der Effekt war. BP wiederum steckt mitten in einem Restrukturierungsprogramm. Der Konzern hat zuletzt mehrere Geschäftsbereiche abgestoßen und konzentriert sich stärker auf Cashflow und Kerngeschäft.

Übergewinnsteuer als politisches Risiko

Genau jene Profite, die Aktionäre freuen, sind den Ökonomen und Teilen der Politik ein Dorn im Auge. Die SPD fordert eine Übergewinnsteuer auf kriegsbedingte Sondergewinne der Mineralölkonzerne. Klingbeil kündigte im Bundestag an, sehr genau darauf zu achten, dass die Steuersenkung tatsächlich an die Verbraucher weitergegeben werde. Die Linken-Politikerin Heidi Reichinnek sprach im Plenum von einer Spirale der Gier und forderte ebenfalls die Übergewinnsteuer. Auch die Grüne Katharina Dröge kritisierte den Tankrabatt scharf. Sie warf den Konzernen vor, die Krise zum Abkassieren der Verbraucher zu nutzen.

Im Kabinett findet sich allerdings keine Mehrheit dafür. Wirtschaftsministerin Reiche von der CDU lehnt eine Übergewinnsteuer ebenso ab wie einen Spritpreisdeckel. Hinzu kommt eine europarechtliche Hürde. Die EU-Kommission müsste eine deutsche Sonderabgabe absegnen, plant derzeit aber keinen entsprechenden Vorstoß. Klingbeil räumte ein, dass es manchmal dicke Bretter seien, die in Brüssel gebohrt werden müssten. Auch Greenpeace meldete sich kritisch zu Wort. Die Umweltorganisation rechnete vor, dass der zweimonatige Tankrabatt teurer ist als der Bundeszuschuss für das Deutschlandticket im gleichen Zeitraum.

Für Anleger bleibt das Thema dennoch ein Risikofaktor. Sollte der Iran-Krieg länger andauern und die Spritpreise dauerhaft hoch bleiben, wächst der politische Druck. Schon eine intensivere Debatte in Brüssel kann ausreichen, um die Kurse der großen Konzerne zu drücken. Anfang April konnte man das beobachten. Damals verloren Shell, BP und TotalEnergies binnen eines Tages zwischen drei und sechs Prozent. Die Märkte preisten in dem Moment sowohl ein längeres Kriegsszenario als auch politische Gegenreaktionen ein.

Aus unserer Sicht ist eine Übergewinnsteuer auf europäischer Ebene unwahrscheinlich, auf nationaler Ebene rechtlich heikel. Das politische Klima kann sich aber drehen. Wer Mineralölaktien hält, sollte das Szenario zumindest im Hinterkopf behalten.

Was die Lehren von 2022 zeigen

Den ersten deutschen Tankrabatt führte die Ampel-Koalition im Sommer 2022 als Reaktion auf den Beginn des Ukraine-Kriegs ein. Damals senkte sie die Energiesteuer drei Monate lang, was den Bund rund 3,15 Milliarden Euro kostete. Die wissenschaftliche Bilanz fiel gemischt aus. Eine Studie des ifo-Instituts unter Florian Neumeier kam zu einem differenzierten Ergebnis. Die Forscher verglichen damals die deutsche Preisentwicklung mit jener in Frankreich, wo keine Steuersenkung galt. Bei Diesel wurde die Steuersenkung zu hundert Prozent weitergegeben, bei Super E10 zu rund 85 Prozent. RWI-Energieexperte Manuel Frondel sieht das kritischer. Zu Beginn der Maßnahme wurde der Rabatt voll weitergegeben, gegen Ende nur noch zur Hälfte. Die Spritpreisbremse kostete den Staat 2022 rund eine Milliarde Euro pro Monat, ohne dass sich der Verbrauch nennenswert reduziert hätte.

Wer den 1. Mai 2026 verfolgt hat, kennt das Muster bereits. Der ADAC verlangt aktuell die vollständige Weitergabe der Steuersenkung. Doch die ersten Tage zeigen, dass die Konzerne den Spielraum für eigene Margen nutzen. Schon am Freitagmittag stiegen die Preise nach der 12-Uhr-Regel wieder. Bei E10 ging es um 12,1 Cent auf 2,076 Euro nach oben, bei Diesel um 13,3 Cent auf 2,177 Euro. Damit war ein Großteil der Tagesentlastung wieder verschwunden.

Für Anleger ergibt sich aus alledem ein zwiespältiges Bild. Kurzfristig spricht vieles für anhaltend hohe Gewinne der Ölmultis. Solange die Straße von Hormus blockiert bleibt und das Brent-Barrel deutlich über 90 Dollar notiert, fließen die Cashflows reichlich. Shell und BP haben in den vergangenen Jahren ihre Aktienrückkäufe ausgeweitet. TotalEnergies zahlt eine der höchsten Dividenden im europäischen Sektor. Mittelfristig ist Vorsicht angebracht. Der Markt hat die Iran-Prämie weitgehend eingepreist. Käme es zu einer Waffenruhe oder einer Wiedereröffnung der Hormus-Route, könnten die Aktien schnell unter Druck geraten. Auch die Bewertungen sind nicht mehr günstig. Nach der Rallye seit März notieren Shell und Total nahe ihren Mehrjahreshochs.

Quartalszahlen und Verlängerungs-Debatte

Schon der Mai bringt die nächsten harten Daten. Am 7. Mai legt Shell die Quartalszahlen für Januar bis März vor. Sie werden zeigen, ob der Konzern trotz der Probleme in Katar von den hohen Ölpreisen profitieren konnte. ExxonMobil und Chevron haben die Latte am 1. Mai bereits hoch gelegt. BP folgt eine Woche später, am 9. Mai dann TotalEnergies. Politisch dürfte parallel die Debatte um eine Verlängerung des Tankrabatts wieder Fahrt aufnehmen. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat im Bundesrat bereits gefordert, die Maßnahme bei anhaltend hohen Preisen über den Juni hinaus zu verlängern. Reiche und Teile der Union werden gegenhalten.

Für Anleger heißt das in der Praxis vor allem Geduld und Wachsamkeit. Der Ölsektor lebt aktuell von einer geopolitischen Risikoprämie. Sie kann hoch bleiben, sie kann auch über Nacht verschwinden. Ein nachhaltiger Friedensschluss zwischen Washington und Teheran würde die Hausse bei Shell, BP und TotalEnergies wahrscheinlich beenden. Ein längerer Krieg dagegen könnte die Übergewinnsteuer-Debatte aus der Schublade holen. Beide Szenarien sind möglich, keines zwingend.