Broadcom steht vor seinen wichtigsten Zahlen seit Jahren

Prozessorchip auf einer Halterung vor unscharfem Hintergrund. Der Halbleiterkonzern Broadcom steht kurz vor der Veröffentlichung wichtiger Geschäftszahlen, die als Gradmesser für die Entwicklung des KI-Chipmarktes gelten

Der Moment, auf den die KI-Welt wartet

Nordamerika💾4 Min.02.06.2026

Am 3. Juni 2026 nach Börsenschluss legt Broadcom (NASDAQ: AVGO) seine Zahlen für das zweite Quartal des Fiskaljahres 2026 vor. Der Zeitpunkt ist kein gewöhnlicher Earnings-Termin. Broadcom hat sich in den vergangenen zwei Jahren zum Rückgrat der KI-Infrastruktur entwickelt, und die Frage ist nicht mehr ob der Konzern wächst, sondern wie schnell und für wie lange.

Broadcom ist vielen Privatanlegern weniger geläufig als Nvidia oder AMD. Das Unternehmen aus Palo Alto stellt keine fertigen Grafikkarten her. Stattdessen entwickelt es maßgeschneiderte Chips für die größten Technologiekonzerne der Welt, darunter Google, Meta, Apple, OpenAI und Anthropic. Diese sogenannten XPUs, also anwendungsspezifische Beschleuniger, ersetzen zunehmend die teuren Nvidia-GPUs in KI-Rechenzentren. Wer wissen will, wohin das Geld der Hyperscaler fließt, kommt an Broadcom nicht vorbei.

Die eigene Guidance des Unternehmens ist bereits ambitioniert. CEO Hock Tan hatte beim letzten Quartalsbericht für Q2 einen Gesamtumsatz von 22 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt, ein Plus von 47 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. 37 Analysten, die die Aktie verfolgen, rechnen mit einem Gewinn je Aktie von 2,40 Dollar bei einem Umsatz von 22,11 Milliarden Dollar.

Was hinter den Zahlen steckt

Der entscheidende Treiber ist das KI-Chip-Geschäft. Im ersten Quartal des laufenden Fiskaljahres erzielte Broadcom einen KI-Halbleiterumsatz von 8,4 Milliarden Dollar, was einem Anstieg von 106 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Für Q2 hat das Unternehmen selbst einen KI-Halbleiterumsatz von rund 10,7 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt, ein Wachstum von etwa 140 Prozent im Jahresvergleich.

Das sind keine runden Marketingzahlen. Dahinter stehen konkrete Verträge. Im April 2026 haben Broadcom und Google einen Rahmenvertrag bis 2031 bekannt gegeben, demzufolge Broadcom die nächsten Generationen von Googles TPU-Chips entwickeln und liefern wird. Fünf-Jahres-Lieferverträge gibt es in der Chipbranche kaum. Dieser Deal allein sichert einen substanziellen Teil des Umsatzes für den Rest des Jahrzehnts.

Neben dem Halbleitergeschäft betreibt Broadcom eine Infrastruktursoftware-Sparte, die hauptsächlich aus der VMware-Übernahme von 2023 stammt. Für Q2 wird dort ein Umsatz von 7,2 Milliarden Dollar erwartet, ein Anstieg von neun Prozent. Das Wachstum ist moderater, aber die Margen sind stark. Die Kombination aus wachsendem Chipgeschäft und stabilen Softwareeinnahmen macht Broadcom widerstandsfähiger als ein reiner Halbleiterwert.

Wie Broadcom gegen Nvidia und Marvell positioniert ist

Die naheliegende Frage lautet, warum Google, Meta und Apple nicht einfach ihre Chips intern bauen, statt Broadcom zu beauftragen. Die Antwort liegt in der Komplexität des Designs. Ein moderner XPU-Chip entsteht in einem 18 bis 24 Monate dauernden Entwicklungsprozess, bei dem Broadcom-Ingenieure direkt in die Strukturen der Kunden eingebettet werden. Wer einmal mit Broadcom arbeitet, wechselt selten. Die Wechselkosten sind schlicht zu hoch.

Nvidia bleibt der dominierende Anbieter bei allgemeinen KI-Beschleunigern. Das Unternehmen aus Santa Clara besitzt mit dem CUDA-Ökosystem einen Graben, den weder Broadcom noch ein anderer Anbieter kurzfristig überbrücken kann. Der Unterschied liegt in der Zielgruppe. Nvidia verkauft an zehntausende Kunden, die flexible Rechenkapazität brauchen. Broadcom bedient eine Handvoll Hyperscaler, die Milliarden in maßgeschneiderte Infrastruktur investieren. Das ist kein Verdrängungswettbewerb, sondern zwei verschiedene Märkte.

Der zweite relevante Vergleich ist Marvell Technology (NASDAQ: MRVL). Marvell hat sich in den vergangenen zwei Jahren ebenfalls als Custom-Chip-Entwickler positioniert, mit Kunden wie Amazon AWS und Microsoft. Broadcom hält laut mehreren Marktanalysen derzeit rund 70 Prozent des Custom-ASIC-Markts, Marvell folgt mit etwa 20 bis 25 Prozent. Broadcom ist größer, profitabler und hat die längere Kundenbindung. Marvell wächst schneller auf prozentualer Basis, was es zu einer riskanten, aber interessanten Alternative macht.

Was für Anleger zählt

Die AVGO-Aktie hat sich in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdoppelt und notiert aktuell bei rund 430 Dollar. Die Marktkapitalisierung liegt nahe zwei Billionen Dollar. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der Trailing-Gewinne liegt bei etwa 80, das Forward-KGV auf Basis der Schätzungen für die nächsten zwölf Monate bei knapp 31. Diese Diskrepanz ist kein Fehler, sondern spiegelt das erwartete Gewinnwachstum wider. Für das Gesamtfiskaljahr 2026 rechnen Analysten mit einem Gewinn je Aktie von 9,95 Dollar, was einem Anstieg von knapp 77 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Für 2027 liegt die Konsensschätzung bereits bei 16,32 Dollar je Aktie.

Das klingt teuer, und ist es auch auf den ersten Blick. Wer Broadcom heute kauft, zahlt für Wachstum, das erst in den kommenden Quartalen sichtbar wird. 94 Prozent der 47 Analysten, die die Aktie abdecken, empfehlen AVGO als Kauf oder starken Kauf. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei 482 Dollar, Morgan Stanley hat es zuletzt auf 485 Dollar angehoben.

Die eigentliche Unsicherheit ist struktureller Natur. Broadcom ist sehr stark von wenigen Großkunden abhängig. Drei Hyperscaler machen den Großteil des KI-Umsatzes aus. Wenn einer dieser Kunden ein Programm verzögert oder streckt, hat das unmittelbare Auswirkungen auf die Zahlen. Das ist das Risiko, das die Bewertung einpreist, und das der Markt genau beobachtet.

Was der Markt am 3. Juni sehen will

Zwei Dinge werden am Mittwochabend die Kursreaktion bestimmen. Der KI-Halbleiterumsatz muss die eigene Guidance von 10,7 Milliarden Dollar erreichen oder übertreffen. Jede signifikante Abweichung nach unten würde die Frage aufwerfen, ob das Wachstumstempo nachlässt. Mindestens genauso wichtig ist die Guidance für Q3. Der Markt braucht Bestätigung, dass das zweite Halbjahr 2026 keine Delle bringt. Hock Tan ist für präzise Prognosen bekannt, seine Worte haben Gewicht.

Laut Optionsmärkten wird im Umfeld der Zahlen eine Kursbewegung von rund zehn Prozent in beide Richtungen erwartet. Das zeigt, wie viel Unsicherheit trotz klarer Guidance im Markt steckt. Wer die Aktie bereits hält, wird die Analystenkonferenz am Abend des 3. Juni genau verfolgen wollen. Die Konferenz beginnt um 14 Uhr Pacific Time, also 23 Uhr mitteleuropäischer Zeit.

Nächste Katalysatoren bis Jahresende

Die Q3-Zahlen folgen planmäßig Ende August 2026. Bis dahin wird die Diskussion um KI-Infrastrukturausgaben der großen Hyperscaler der wichtigste Kurstreiber bleiben. Wer die Capex-Pläne von Google, Meta und Microsoft verfolgt, hat einen guten Frühindikator dafür, wohin AVGO läuft.

Mittelfristig gibt Broadcom selbst eine Orientierung. Das Unternehmen hat für sein KI-Chipgeschäft bis 2027 eine adressierbare Marktgröße von 60 bis 90 Milliarden Dollar allein aus seinen drei größten Hyperscaler-Kunden in Aussicht gestellt. Ob diese Zielmarke erreichbar ist, wird sich über die nächsten Quartale zeigen. Am Abend des 3. Juni beginnt die Antwort darauf.