Jensen Huang adelt Marvell zum nächsten Billion-Dollar-Chipkonzern

Ein einzelner Mikrochip und eine grüne Leiterplatte auf dunklem Untergrund als Bezug zur wachsenden Bedeutung von Marvell im KI-Chipmarkt

Jensen Huang setzt Marvell auf eine Stufe mit Nvidia

Nordamerika💾4 Min.02.06.2026

Auf der Computex 2026 in Taipeh ist am Montag etwas passiert, das an den Börsen sofort einschlug. Nvidia-CEO Jensen Huang trat gemeinsam mit Marvell-Chef Matthew Murphy auf die Bühne und ließ eine Bemerkung fallen, die Investoren weltweit aufhorchen ließ. "Das nächste Billion-Dollar-Unternehmen, meine Damen und Herren", sagte Huang, als er Marvell Technology (NASDAQ: MRVL) vorstellte. Der Kommentar klang beiläufig, fast scherzhaft. An der Börse kam er alles andere als das an.

Marvell-Aktien schossen am Dienstag um mehr als 20% nach oben, nachdem Huang die Rolle des Unternehmens beim Aufbau der KI-Infrastruktur auf der Computex-Bühne in Taipeh herausgestellt hatte. Zum Zeitpunkt dieses Artikels notiert die Aktie bei rund 283 Dollar, ein Tagesgewinn von knapp 29%. Allein durch Huangs Aussage stieg der Börsenwert von Marvell um über 40 Milliarden Dollar.

Marvell Technology ist ein Halbleiterunternehmen aus Santa Clara, das sich auf Chips für Rechenzentren spezialisiert hat. Das Unternehmen entwirft keine Endgeräte und keine GPUs, sondern die Netzwerk- und Verbindungslösungen, die dafür sorgen, dass Tausende von KI-Chips in einem Rechenzentrum überhaupt miteinander kommunizieren können. Wer sich fragt, warum das wichtig ist: Ohne diese Infrastruktur würden KI-Modelle wie ChatGPT schlicht nicht funktionieren.

Warum Huang Marvell als unverzichtbar bezeichnet

Hinter Huangs Aussage steckt mehr als PR. Huang erklärte auf der Bühne: Wenn man ein komplexes Rechenproblem in viele Teile zerlegt und diese auf ein ganzes Rechenzentrum verteilt, braucht man Konnektivität. Das sei der Grund, warum Marvell so unverzichtbar sei.

Das trifft den Kern dessen, was sich gerade in der KI-Infrastruktur verschiebt. Früher reichte es, leistungsstarke GPUs nebeneinander zu stellen. Heute trainieren und betreiben die großen Tech-Konzerne KI-Systeme auf Zehntausenden von Chips gleichzeitig, die über optische Netzwerke blitzschnell miteinander verbunden sein müssen. Marvells Anteil am Gesamtumsatz aus dem Rechenzentrum-Segment macht inzwischen 75% aus, vor zwei Jahren waren es noch 50%.

Im März 2026 gaben Nvidia und Marvell eine strategische Partnerschaft bekannt. Marvell liefert dabei kundenspezifische XPUs und NVLink-Fusion-kompatible Netzwerklösungen, während Nvidia seine komplette Technologie-Infrastruktur einbringt. Nvidia investierte dabei 2 Milliarden Dollar in Marvell. Das ist keine gewöhnliche Lieferantenbeziehung, sondern ein echtes Bekenntnis der mächtigsten Kraft im KI-Chip-Markt zu Marvell als Systempartner.

Starke Quartalszahlen als Rückenwind

Der Aufmerksamkeitsschub durch Huang kommt nicht aus dem Nichts. Marvell hatte erst vergangene Woche Quartalszahlen geliefert, die überzeugt hatten. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 erzielte Marvell einen Rekordumsatz von 2,418 Milliarden Dollar, ein Zuwachs von 28% gegenüber dem Vorjahr. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 0,80 Dollar und übertraf die Analystenschätzung von 0,79 Dollar.

Das Rechenzentrumsgeschäft trug 1,8 Milliarden Dollar zum Quartalsumsatz bei, entsprechend 76% des Gesamtumsatzes. Das Segment wuchs sequenziell um 11% und liegt 27% über dem Vorjahreswert. Noch bemerkenswerter ist der Ausblick. Für das zweite Quartal erwartet das Unternehmen einen Umsatz von 2,700 Milliarden Dollar, plus oder minus 5%.

Das Management prognostiziert, dass das Rechenzentrumsgeschäft im gesamten Geschäftsjahr 2027 um rund 50% wachsen wird, und im Jahr darauf sogar um etwa 55%. Das sind keine konservativen Schätzungen. CEO Murphy sagte auf der Analystenkonferenz, man sehe außergewöhnlich hohe KI-bezogene Auftragseingänge und hebe deshalb den Jahresausblick für 2027 und 2028 erheblich an.

Marvell zwischen Broadcom und Nvidia

Um Marvells Position im Markt zu verstehen, lohnt ein Blick auf das Wettbewerbsfeld. Broadcom hält rund 70% des Markts für maßgeschneiderte KI-Beschleuniger und arbeitet seit Jahren für Google an den TPU-Chips sowie für Meta an den MTIA-Chips. Marvell ist der kleinere, aber schnell wachsende Herausforderer.

Während Broadcom mit seinem KI-Umsatz zuletzt 106% Wachstum im Jahresvergleich auf 8,4 Milliarden Dollar verbuchte, wächst Marvell zwar von einer kleineren Basis, dafür aber mit einem ausgeweiteten Portfolio aus Verbindungslösungen und Netzwerk-Hardware. Der entscheidende Unterschied liegt in der Strategie. Broadcom dominiert beim maßgeschneiderten Chip-Design für die größten Hyperscaler. Marvell setzt auf eine breitere Palette aus kundenspezifischen XPUs, optischen Verbindungen und Hochgeschwindigkeitsnetzwerken für Rechenzentren.

Die Partnerschaft mit Nvidia über NVLink Fusion gibt Marvell Zugang zu Nvidias gesamtem KI-Ökosystem und stärkt seine Position als Lieferant für semi-kundenspezifische KI-Infrastruktur. Das unterscheidet Marvell fundamental von Broadcom, das in bestimmten Bereichen direkt mit Nvidia konkurriert. Marvell kooperiert stattdessen. Das kann ein struktureller Vorteil sein, solange Nvidias Dominanz anhält.

Was der Kurssprung für Anleger bedeutet

Ein Tagesgewinn von fast 29% klingt beeindruckend. Für Anleger ist er aber zunächst eine Frage der Einordnung. Bei einem aktuellen Kurs von rund 283 Dollar beträgt das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der letzten zwölf Monate knapp 90. Zum Vergleich liegt der Fünf-Jahres-Median des KGV bei Marvell bei rund 30.

Die Aktie hat sich in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdreifacht. Zum Zeitpunkt von Huangs Aussage lag Marvells Marktkapitalisierung bei rund 191 Milliarden Dollar, nach dem heutigen Kurssprung dürfte sie deutlich über 250 Milliarden liegen. Die Billion-Dollar-Marke, die Huang in Aussicht stellte, läge damit noch rund vier Mal so hoch.

Analyst Vivek Arya schrieb in einer jüngeren Einschätzung, Marvell stehe erst am Anfang eines starken mehrjährigen Wachstumszyklus. Auf der anderen Seite warnen Value-orientierte Analysten, dass die Bewertung bei einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von über 25 bereits sehr viel Wachstum vorwegnimmt. Wer jetzt einsteigt, kauft nicht mehr zu einem günstigen Zeitpunkt. Gleichzeitig sollte man beachten: Bewertungen allein bremsen Aktien nicht, wenn der operative Schwung und das narrative Momentum so stark sind wie bei Marvell gerade.

Nächste Katalysatoren im zweiten Halbjahr 2026

Die nächsten Quartalszahlen sind für den 20. August 2026 nach Börsenschluss geplant. Der Markt wird dann prüfen, ob Marvell das für Q2 prognostizierte Umsatzziel von 2,7 Milliarden Dollar erreicht hat. Verfehlt das Unternehmen diesen Wert, dürfte die Reaktion bei einer Bewertung auf diesem Niveau hart ausfallen.

Am 1. Juni 2026 hat Marvell außerdem die Verfügbarkeit des branchenweit ersten 102,4-Terabit-Switches angekündigt, der speziell für KI- und Cloud-Rechenzentren entwickelt wurde. Das ist kein Marketing-Ankündigung. Das zeigt, dass Marvell in der Produktentwicklung Tempo macht. Das Management sieht auch beim Bereich Datenzentren-Interconnect eine Umsatzchance von einer Milliarde Dollar jährlich bis zum Geschäftsjahr 2028.

Und dann ist da noch die Jahreshauptversammlung. Marvells Annual General Meeting ist für den 25. Juni 2026 angesetzt. Große strategische Überraschungen sind dort selten, aber nach dem Computex-Auftritt und der Nvidia-Partnerschaft wird jedes Statement von Murphy mit erhöhter Aufmerksamkeit verfolgt werden.

Unsere Einschätzung: Marvell hat sich in den vergangenen zwei Jahren vom Nischen-Chiphersteller zur KI-Infrastruktur-Schlüsselkomponente entwickelt. Die Quartalszahlen bestätigen das. Huangs Aussage war der Funke in einem bereits gut gefüllten Raum. Ob die Bewertung langfristig aufgeht, hängt davon ab, ob das Rechenzentrumsgeschäft das versprochene Tempo hält. Die Grundlage dafür ist jedenfalls gelegt.