Peter Jonna verließ 2022 den Vermögensverwalter Oaktree Capital Management und gründete Neos Partners, eine auf Energie und Infrastruktur spezialisierte Private-Equity-Gesellschaft. Seine Investitionsthese war einfach: Der wachsende Strombedarf durch Rechenzentren, die Modernisierung des Stromnetzes und das Comeback der amerikanischen Industrieproduktion würden spezialisierte Elektroanlagenhersteller in eine starke Position bringen. Innerhalb von zwei Jahren übernahm Neos vier Unternehmen mit jahrzehntelanger Branchenerfahrung: MGM Transformers aus Kalifornien, States Manufacturing aus Minnesota, PwrQ aus Maryland und VanTran Transformers aus Texas. Im August 2025 wurden sie zur gemeinsamen Marke Forgent Power Solutions zusammengeführt, mit Hauptsitz in Dayton, Minnesota.
Der Zusammenschluss folgte einer klaren Logik. Jede der vier Firmen hatte eigene Produktschwerpunkte und gewachsene Kundenbeziehungen, doch als eigenständige Einheiten konnten sie die Anforderungen großer Datenzentrum-Betreiber nur begrenzt erfüllen. Unter einem Dach kombiniert Forgent eine breitere Produktpalette, mehr Produktionskapazität und eine stärkere Verhandlungsposition bei Großaufträgen. Die Rebranding-Phase endete mit dem Börsengang im Februar 2026, weniger als ein Jahr nach dem offiziellen Start der Marke.
Heute betreibt Forgent zehn Produktionsstandorte mit insgesamt rund 2,3 Millionen Quadratfuß Produktionsfläche in Minnesota, Texas, Maryland, Kalifornien und Mexiko. Das Unternehmen beliefert Kunden aus drei Segmenten: Rechenzentren machten im Geschäftsjahr 2025 rund 42 Prozent des Umsatzes aus, Stromnetze 23 Prozent und Industriebetriebe 19 Prozent.
Seit Mai 2025 leitet Gary Niederpruem Forgent Power Solutions als CEO. Niederpruem bringt umfangreiche Erfahrung in der Elektroindustrie mit. Er war maßgeblich an der Herauslösung von Emerson Network Power aus dem Emerson-Konzern beteiligt und begleitete 2020 den Börsengang des daraus entstandenen Unternehmens Vertiv Holdings, eines der führenden Anbieter von Rechenzentrumstechnik weltweit. Anschließend leitete er das Energieeffizienzunternehmen Cenergisting als CEO, bevor Neos Partners ihn für die Führung von Forgent gewann.
Ryan Fiedler verantwortet als CFO die Finanzen des Unternehmens. Fiedler verbrachte mehr als 14 Jahre bei Caterpillar, zuletzt als CFO des Segments Resource Industries, das 2024 einen Umsatz von rund 12 Milliarden Dollar erwirtschaftete. Davor war er über zehn Jahre im Corporate- und Investment-Banking von J.P. Morgan tätig. Chief Commercial Officer Bobby Rogers kam nach mehr als 16 Jahren bei Schneider Electric zu Forgent, wo er zuletzt als Vice President das nordamerikanische Datenzentrumsgeschäft verantwortete. Neos-Gründer Peter Jonna sitzt im Board of Directors und prägt die strategische Ausrichtung des Unternehmens.
Forgent operiert im Markt für elektrische Verteilungsanlagen, der Branchenanalysen zufolge 2025 ein Volumen von rund 33 Milliarden Dollar hatte. Angetrieben durch den massiven Ausbau von KI-Infrastruktur, die Modernisierung des amerikanischen Stromnetzes und den Trend zur Rückverlagerung von Fertigung in die USA wächst das Segment schneller als in vergangenen Jahrzehnten. Für maßgeschneiderte Produkte werden besonders hohe Wachstumsraten erwartet, da Rechenzentrum-Betreiber zunehmend spezifische Lösungen statt Standardware nachfragen.
Die Konkurrenz setzt sich aus deutlich größeren Konzernen zusammen. Vertiv, Schneider Electric, Eaton, GE Vernova und Hitachi Energy bedienen denselben Markt mit breiteren Portfolios, internationaler Präsenz und erheblich mehr Ressourcen. Vertiv, an dessen Börsengang CEO Niederpruem einst mitwirkte, gilt in der Branche als Maßstab und wurde seit 2020 zum Liebling institutioneller Investoren im KI-Infrastrukturthema.
Forgents Positionierung setzt auf eine Kombination aus amerikanischer Fertigung und hoher Produktindividualisierung. Während große Anbieter oft mit langen Lieferzeiten für Standardprodukte kämpfen, setzt Forgent auf maßgeschneiderte Lösungen aus eigenen US-Werken. Für Rechenzentrumsbetreiber, die unter Zeitdruck stehen und Zuverlässigkeit in der Lieferkette priorisieren, kann das ein bedeutender Vorteil sein. Ob dieser Ansatz ausreicht, um langfristig gegen die Skalenvorteile der Großkonzerne zu bestehen, bleibt eine offene Frage.
Forgent gliedert sein Angebot in vier Produktfamilien. Transformatoren, sowohl in Trocken- als auch in Flüssigkeitsbauweise, bilden einen zentralen Bereich des Portfolios. Schaltanlagen und Schaltfelder für Mittel- und Niederspannung stellen den zweiten Schwerpunkt dar. Automatische Transferschalter, die bei Stromausfall den nahtlosen Übergang auf Notstromversorgung sicherstellen, bilden die dritte Produktlinie. Ergänzt wird das Portfolio durch vorgefertigte Systeme, sogenannte eHouses und Power Skids, die alle notwendigen Komponenten als kompakte, installationsfertige Einheit liefern.
Das Besondere an Forgents Ansatz ist die hohe Produktindividualisierung. Das Unternehmen entwickelt jährlich mehr als 1.500 einzigartige Designs bei einer durchschnittlichen Losgröße von 15 Einheiten. Die Produkte sind also keine Massenware, sondern spezifisch auf die Anforderungen einzelner Projekte zugeschnitten. Datenzentrum-Betreiber schätzen besonders die vorkonfektionierten Powertrain-Lösungen, die den Installationsaufwand vor Ort erheblich reduzieren und die Zeit bis zur Inbetriebnahme verkürzen.
Das Unternehmen verdient sein Geld mit maßgeschneiderten Einmalaufträgen. Ein nennenswertes Servicegeschäft mit wiederkehrenden Umsätzen hat Forgent bisher nicht aufgebaut. Das macht den Umsatz stärker abhängig von der Investitionstätigkeit der Kunden als bei Software-Unternehmen mit Abomodellen.