MiCA hat den größten Stablecoin aus der EU verdrängt

MiCA hat den größten Stablecoin aus der EU verdrängt
Der Markt für Stablecoins überschritt im Mai 2026 die Marke von 322,5 Milliarden Dollar. Tether liegt mit USDT bei rund 189,4 Milliarden Dollar und damit bei etwa 58,7 Prozent des gesamten Angebots. USDC von Circle folgt mit rund 76,4 Milliarden.
Auf europäischen Handelsplattformen ist der Marktführer trotzdem verschwunden. Tether hat keine Zulassung nach der europäischen Verordnung MiCA beantragt. Binance, Coinbase, Kraken und Crypto.com haben USDT für Privatkunden im Europäischen Wirtschaftsraum daraufhin entfernt oder auf professionelle Kunden beschränkt.
Für Anleger ergibt sich daraus eine ungewohnte Lage. Der weltweit dominierende Stablecoin ist ausgerechnet dort schwer zugänglich, wo die Regeln am strengsten sind.

Was MiCA von einem Stablecoin verlangt
Die Anforderungen klingen simpel und haben es in sich. Ein Stablecoin muss von einer in der EU zugelassenen Gesellschaft ausgegeben werden. Die Deckung muss eins zu eins bestehen, getrennt vom Vermögen des Emittenten verwahrt und jederzeit zum Nennwert einlösbar sein.
Der Streitpunkt liegt in einem Detail. MiCA verlangt, einen erheblichen Teil der Reserven als Bankeinlagen zu halten, bei den größeren Token bis zu 60 Prozent. Tether-Chef Paolo Ardoino hat das wiederholt kritisiert und argumentiert, eine solche Konzentration bei Banken schaffe selbst ein systemisches Risiko.
Die Stablecoin-Bestimmungen gelten seit dem 30. Juni 2024, die Verordnung insgesamt seit dem 30. Dezember 2024. Seit dem 1. Juli 2026 greift das Regelwerk vollständig.
Zugelassen sind inzwischen rund ein Dutzend Emittenten aus Frankreich, den Niederlanden, Finnland, Malta, Luxemburg und Deutschland. Zu den freigegebenen Token zählen USDC und EURC von Circle, dazu unter anderem EURCV, EURI, USDG und EUROe. Circle erhielt seine Lizenz als E-Geld-Institut in Frankreich.
Ein weniger bekannter Punkt betrifft Artikel 23. Er begrenzt die Nutzung von Stablecoins, die nicht an den Euro gebunden sind, als Zahlungsmittel innerhalb der EU. Für den Handel spielt das kaum eine Rolle, für Zahlungsanwendungen dagegen erheblich.
Neben den vollständig gedeckten Token existiert eine dritte Kategorie. Dezentrale Stablecoins wie USDS vom Sky Protocol, dem Nachfolger von MakerDAO, halten ihre Bindung über überbesicherte Kryptoreserven und automatische Tauschmechanismen. Mit rund 9 Milliarden Dollar Umlauf ist USDS der größte Vertreter dieser Gattung.
Tethers Reserven und die Frage nach der Prüfung
Wer Tether allein wegen des Delistings für unsolide hält, macht es sich zu einfach. Nach den Transparenzberichten des Unternehmens und den vierteljährlichen Bestätigungen der Prüfgesellschaft BDO bestehen die Reserven zu rund 80 Prozent aus US-Staatsanleihen. Das entspricht etwa 141 Milliarden Dollar.
Damit gehört Tether zu den größten Haltern amerikanischer Staatsanleihen überhaupt. Kleinere Anteile entfallen auf besicherte Kredite, Gold und Bitcoin. Der ausgewiesene Nettogewinn lag 2025 bei über 10 Milliarden Dollar, im ersten Quartal 2026 kam eine weitere Milliarde hinzu.
Der Kritikpunkt ist struktureller Natur. Tether hat über Jahre auf punktuelle Bestätigungen gesetzt statt auf eine vollständige Prüfung nach den üblichen Standards. Eine Bestätigung beschreibt einen Stichtag, eine Prüfung dagegen Prozesse und Kontrollen über einen Zeitraum. Anfang 2026 begann KPMG mit der ersten vollständigen Prüfung.
Bei USDC liegt die Lage anders. Circle veröffentlicht monatliche Berichte, unterliegt der amerikanischen Aufsicht und verwahrt Reserven bei regulierten Instituten. Dafür ist der Token zentral steuerbar, denn Circle kann einzelne Adressen sperren und Guthaben einfrieren.
Für Anleger folgt daraus ein Zielkonflikt, den man kennen sollte. Ein zentral kontrollierter Token bietet Aufsicht, Transparenz und einen ansprechbaren Emittenten. Derselbe Emittent kann Guthaben aber auch einfrieren. Wer volle Verfügungsgewalt will, bekommt sie nur mit weniger Schutz.
Ein Peg hält, bis er nicht mehr hält
Die wichtigste Lektion für Anleger stammt aus dem März 2023. USDC verlor damals kurzzeitig seine Dollar-Bindung und fiel auf etwa 0,87 Dollar. Der Grund lag nicht im Programmcode, sondern in der Bilanz. Rund 3,3 Milliarden Dollar der Reserven lagen bei der zusammengebrochenen Silicon Valley Bank.
Erst als die amerikanische Regierung eine Garantie für die Einleger aussprach, kehrte der Kurs binnen Tagen zurück. Ausgerechnet der als besonders solide geltende Token zeigte damit, wie eng ein Stablecoin am traditionellen Bankensystem hängt.
USDT hatte in seiner Geschichte kleinere Abweichungen zwischen 0,95 und 0,98 Dollar und erholte sich jeweils. Das drastischste Beispiel lieferte 2022 der algorithmische Token UST aus dem Terra-Ökosystem, der ohne echte Deckung auskam und innerhalb weniger Tage praktisch wertlos wurde.
Daraus folgt eine brauchbare Faustregel. Ein Peg hängt an der Qualität und der Erreichbarkeit der Reserven, nicht am Versprechen. Abweichungen von mehr als 0,5 Prozent gelten unter Händlern als Warnsignal.
Was das für Anleger praktisch bedeutet
Der wichtigste Punkt zuerst. Ein Stablecoin ist kein Sparkonto. Eine Einlagensicherung wie bei einer Bank existiert nicht, weder in Höhe von 100.000 Euro noch in irgendeiner anderen Form.
Auch die häufig beworbenen Zinsen auf Stablecoins gehören eingeordnet. Wer sein Guthaben verleiht oder in ein Protokoll gibt, trägt ein Gegenparteirisiko und im Zweifel ein Ausfallrisiko. Mit Tagesgeld hat das trotz ähnlicher Prozentzahlen wenig gemein.
Steuerlich ist ein verbreiteter Irrtum teuer. Der Tausch von Bitcoin in einen Stablecoin ist ein Veräußerungsvorgang nach Paragraf 23 Einkommensteuergesetz. Wer innerhalb der Jahresfrist in USDC flüchtet, um einen Kursrutsch abzuwarten, realisiert dabei einen steuerpflichtigen Gewinn. Zinsen auf Stablecoins fallen unter Paragraf 22 Nummer 3 mit der Freigrenze von 256 Euro.
Ein weiterer Aspekt betrifft die Größenordnung. Mit über 322 Milliarden Dollar Umlauf ist dieser Markt kein Nischenthema mehr. Die Emittenten parken den Großteil ihrer Reserven in kurzlaufenden US-Staatsanleihen und gehören dort inzwischen zu den relevanten Käufern. Was in diesem Segment passiert, betrifft damit auch Anleger ohne einen einzigen Coin im Depot.
Praktisch heißt das Delisting Folgendes. USDT lässt sich weiterhin in einer eigenen Wallet halten und außerhalb regulierter EU-Plattformen nutzen. Der Weg zurück in Euro über einen zugelassenen Anbieter wird dagegen umständlich. Wer in der EU lebt und Wert auf einfache Handhabung legt, fährt mit USDC oder einem Euro-Token schlicht bequemer.
Die erste Vollprüfung wird zum Prüfstein
Das Ergebnis der KPMG-Prüfung dürfte für die gesamte Branche relevant werden. Fällt es sauber aus, entfällt der wichtigste Kritikpunkt an Tether. Zeigt es Lücken, stünde der größte Stablecoin der Welt unter erheblichem Druck.
Offen bleibt außerdem, ob Tether irgendwann doch eine europäische Zulassung anstrebt. Andere Regionen entwickeln vergleichbare Regelwerke, in den USA hat der GENIUS Act einen bundesweiten Rahmen geschaffen. Je mehr regulierte Märkte denselben Weg gehen, desto teurer wird es, außerhalb zu bleiben.
Transparenzhinweis
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einschätzung der DieSpekulanten-Redaktion und gibt den Stand vom 17.08.2026 wieder. Unsere Inhalte dienen ausschließlich der Information und sind weder eine Anlageberatung noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Mitglieder unserer Redaktion können Positionen in den besprochenen Wertpapieren halten. Wir finanzieren uns unter anderem über gekennzeichnete Affiliate-Links, etwa im Broker-Vergleich oder bei Amazon. Auf unsere Bewertungen und Inhalte hat das keinen Einfluss. Wie wir arbeiten und wie unsere Inhalte entstehen, können Sie auf der Seite Unsere Logik nachlesen. Alle weiteren rechtlichen Angaben finden Sie in unserem Disclaimer.
