Neil Blumenthal, Dave Gilboa, Andy Hunt und Jeff Raider gründeten Warby Parker 2010, noch während ihres MBA-Studiums an der Wharton School der University of Pennsylvania. Die Ursprungsidee war schlicht: Gilboa hatte auf einer Reise seine Brille verloren und konnte sich die Ersatzbrille beim Optiker schlicht nicht leisten. Die vier Studenten fragten sich, warum Brillengläser mehr kosten als ein iPhone und kamen zu einer klaren Antwort: Der Markt wurde von einer kleinen Zahl großer Anbieter kontrolliert, die Preise ohne echten Wettbewerb durchsetzen konnten. Ihre Lösung war ein direkter Verkauf über das Internet, ohne teure Einzelhandelskette dazwischen.
Der Einstieg war spektakulär. Noch bevor die Website offiziell gestartet war, erschien ein Artikel über Warby Parker im Magazin GQ, und innerhalb eines Tages gab es eine Warteliste von 20.000 potenziellen Kunden. Das Unternehmen baute anschließend schrittweise ein Filialnetz auf, weil viele Kunden vor dem Kauf die Brillen anprobieren wollten. 2013 eröffnete die erste Flagship-Filiale, seitdem wächst der stationäre Handel konsequent. Rund zwei Drittel des Umsatzes generiert Warby Parker heute über seine Filialen.
Das Unternehmen hat seinen Sitz in New York City und beschäftigt mehrere tausend Mitarbeiter. Warby Parker bezeichnet sich als Public Benefit Corporation und hat sich sozialen Zielen verpflichtet: Für jede verkaufte Brille wird eine weitere an Menschen in Entwicklungsländern gespendet. Über dieses Programm hat das Unternehmen bis 2025 mehr als 15 Millionen Brillen verteilt.
Warby Parker wird seit der Gründung 2010 von zwei Co-CEOs geführt: Neil Blumenthal und Dave Gilboa. Das Tandem-Modell ist in der Unternehmenslandschaft selten, hat sich bei Warby Parker aber als stabil erwiesen. Blumenthal arbeitete vor der Gründung bei VisionSpring, einer Nonprofit-Organisation, die günstige Brillen in Entwicklungsländern vertreibt. Diese Erfahrung prägt bis heute die soziale Ausrichtung des Unternehmens. Gilboa war zuvor als Investmentbanker bei Allen & Co. tätig und bringt die finanzielle Perspektive in die Führung ein. Beide haben ihre MBA-Programme an der Wharton School abgeschlossen.
Seit Februar 2026 ist Adrian Mitchell als CFO an Bord. Mitchell war zuvor CFO und COO bei Macy's und bekleidete Führungspositionen bei Arhaus und Crate & Barrel. Er tritt die Nachfolge von Steve Miller an, der das Unternehmen nach fast 15 Jahren im Oktober 2025 verlassen hatte. In der Zwischenzeit hatte Gilboa die CFO-Funktion kommissarisch übernommen.
Der US-Brillenmarkt ist ein klassisches Beispiel für einen konzentrierten Markt mit wenig Wettbewerb. Der italienisch-französische Konzern EssilorLuxottica kontrolliert mit Marken und Handelsketten wie LensCrafters, Sunglass Hut, Ray-Ban und Oakley einen erheblichen Teil des Marktes. Vor diesem Hintergrund war das Versprechen von Warby Parker, qualitativ hochwertige Brillen zu erschwinglichen Preisen direkt an die Kunden zu verkaufen, ein klarer Kontrapunkt zur Branchenlogik.
Warby Parker hält nach Daten von Earnest Analytics rund 7 Prozent Marktanteil im US-Brillenmarkt und wächst dabei schneller als der Markt insgesamt. Die wichtigsten direkten Wettbewerber im Online-Direktvertrieb sind Zenni Optical und Eyebuydirect, das zur EssilorLuxottica-Gruppe gehört. Im stationären Handel konkurriert Warby Parker mit LensCrafters, National Vision und unabhängigen Optikern. Der Gesamtmarkt für Brillen und optische Dienstleistungen in den USA wird auf rund 28 Milliarden Dollar geschätzt.
Zwei strukturelle Trends bestimmen die weitere Entwicklung der Branche. Der Onlineverkauf von Brillen wächst seit Jahren und setzt traditionelle Optiker unter Druck. Gleichzeitig entstehen neue Gerätekategorien im Bereich Smartglasses, in denen sich Tech-Konzerne wie Meta und Apple mit Brillenproduzenten zusammentun, um tragbare KI-Hardware in den Alltag zu bringen.
Das Kerngeschäft von Warby Parker sind Korrektionsbrillen aus eigener Kollektion, die ab 95 Dollar erhältlich sind, inklusive Gläsern. Das Unternehmen entwirft seine Frames intern und lässt sie bei Partnern in Italien, Vietnam, Japan und China fertigen. Durch diesen Direktvertriebsansatz ohne lizenzierte Marken und ohne traditionellen Großhandel kann Warby Parker bei vergleichbarer Qualität deutlich unter dem Preisniveau etablierter Optikerketten anbieten.
Neben Brillen verkauft Warby Parker seit 2019 Tageslinsen unter der eigenen Marke Scout by Warby Parker. Das Kontaktlinsengeschäft wächst deutlich schneller als das Brillensegment und gewann 2024 rund 25 Prozent im Jahresvergleich. Augenuntersuchungen bietet das Unternehmen in einem wachsenden Teil seiner Filialen an; 2024 waren es mehr als 230 von 276 Standorten. Damit deckt Warby Parker die gesamte Wertschöpfungskette der Sehhilfe ab: Diagnose, Brillen, Kontaktlinsen. Kontaktlinsen und Augenuntersuchungen tragen zusammen rund 16 Prozent zum Umsatz bei.
Ergänzend hat Warby Parker 2025 das KI-Tool Advisor eingeführt, das per Gesichtsscan passende Brillengestelle empfiehlt. Das Tool ersetzt schrittweise das frühere Home-Try-On-Programm, bei dem Kunden fünf Gestelle kostenlos nach Hause bestellen und ausprobieren konnten. Darüber hinaus arbeitet das Unternehmen seit 2025 gemeinsam mit Google an KI-gestützten Smartglasses, die auf der Android-XR-Plattform und dem Gemini-Sprachmodell basieren und für den Alltag konzipiert sind.