Weniger als 16 Prozent der Zertifikate wirken nachweislich

Weniger als 16 Prozent der Zertifikate wirken nachweislich
Der freiwillige Handel mit CO2-Zertifikaten steht seit Jahren unter Beschuss. Studien kommen zu dem Ergebnis, dass weniger als 16 Prozent der ausgegebenen Gutschriften tatsächliche Emissionsminderungen widerspiegeln.
Bei Waldprojekten fällt die Kritik besonders scharf aus. Eine gemeinsame Recherche von ZEIT und Guardian befasste sich mit einem der größten Standards. Danach könnten rund 90 Prozent der dort ausgelobten Waldschutzprojekte wirkungslos gewesen sein.
Trotzdem baut die EU derzeit einen regulierten Rahmen für genau dieses Geschäft. Für Waldbesitzer könnte daraus eine neue Einnahmequelle entstehen, für Anleger bleibt es dagegen ein Missverständnis.

Zwei Märkte, die nichts miteinander zu tun haben
Der Begriff CO2-Zertifikat beschreibt zwei völlig verschiedene Dinge. Im verpflichtenden Emissionshandel der EU müssen große Emittenten aus Energiewirtschaft, Industrie und Luftfahrt für jede ausgestoßene Tonne ein Zertifikat vorlegen. Dieser Markt ist staatlich kontrolliert und die Menge gesetzlich gedeckelt. Die Einnahmen fließen in den Klima- und Transformationsfonds.
Die Preise dort sind entsprechend hoch. Im Jahr 2025 schwankte das EU-Zertifikat zwischen etwa 65 und 81 Euro je Tonne, nach einem Rekordwert von über 100 Euro im Jahr 2023. Analysten erwarten für 2026 einen Durchschnitt zwischen 91 und 93 Euro und einen Anstieg Richtung 130 Euro bis 2030.
Daneben läuft der deutsche nationale Emissionshandel für Wärme und Verkehr. Dort galt 2025 ein Festpreis von 55 Euro je Tonne, ab 2026 werden die Zertifikate in einem Preiskorridor zwischen 55 und 65 Euro versteigert.
Waldbesitzer und Landwirte können an keinem dieser beiden Systeme teilnehmen. Für sie existiert ausschließlich der freiwillige Markt, und der unterliegt bislang keiner regulatorischen Kontrolle. Beide Zertifikatsarten sind zudem nicht gegeneinander austauschbar. Ein EU-Zertifikat lässt sich nicht für ein freiwilliges Klimaversprechen stilllegen und umgekehrt.
Für Waldbesitzer bedeutet das eine unangenehme Ausgangslage. Sie beliefern einen Markt, der bislang keine verbindlichen Standards kennt und in dem sich Käufer und Verkäufer die Regeln selbst geben.
Der freiwillige Markt spaltet sich preislich
Wer Durchschnittspreise für freiwillige Zertifikate liest, bekommt ein verzerrtes Bild. Marktbeobachter wie Ecosystem Marketplace weisen für 2025 einen Durchschnitt von 6,34 Dollar je Tonne aus, andere Anbieter nennen 5 bis 10 Dollar.
Diese Zahlen enthalten allerdings große Mengen alter Gutschriften aus Projekten für erneuerbare Energien und Jahrgängen vor 2020. Kein Unternehmen, das seine Nachhaltigkeitsberichterstattung ernst nimmt, kauft heute zu diesen Preisen.
In abgeschlossenen Portfolios deutschsprachiger Unternehmen lagen die Preise anders. Für geprüfte Zertifikate wurden 2024 und 2025 zwischen 25 und 80 Euro je Tonne gezahlt. Zusätzliche Nutzen wie Biodiversität oder Einkommen für Kleinbauern kosten dabei nochmals 5 bis 20 Euro Aufschlag.
Besonders deutlich zeigt sich die Spaltung bei den Kategorien. Zertifikate, die Kohlenstoff tatsächlich aus der Atmosphäre entfernen, werden zu einem etwa 3,8-fach höheren Preis gehandelt als solche, die lediglich Emissionen vermeiden.
Diese Bewegung nennen Marktbeobachter eine Flucht in die Qualität. Das Gesamtvolumen ist gesunken, während der Preis für glaubwürdige Zertifikate gestiegen ist. Für seriöse Projekte ist das die bessere Nachricht. Wer heute in ein hochwertiges Waldprojekt investiert, konkurriert nicht mehr mit Billigzertifikaten aus dem Jahr 2015.
Woran die Kritik ansetzt
Drei Begriffe entscheiden über die Qualität eines Waldzertifikats. Der erste heißt Additionalität und fragt, ob der Wald ohne die Zahlung tatsächlich gerodet worden wäre. Lässt sich das nicht belegen, wird für etwas bezahlt, das ohnehin passiert wäre.
Der zweite Begriff heißt Permanenz und meint die Dauerhaftigkeit der Speicherung. Ein Wald speichert Kohlenstoff nur, solange er steht. Ein Brand, ein Sturm oder ein Käferbefall setzen ihn wieder frei, und die verkaufte Gutschrift bleibt trotzdem im Umlauf.
Der dritte ist das Monitoring. Wer überprüft über dreißig oder fünfzig Jahre, ob der Bestand noch existiert, und wer haftet, wenn nicht. Forstwissenschaftler des Thünen-Instituts ordnen solche Zertifikate deshalb weniger als Nachweis ein, sondern als Einschätzung eines wahrscheinlichen Erfolgs.
Die Marktentwicklung zeigt, wie relevant diese Fragen sind. Nach Erhebungen des Umweltbundesamtes stieg die Menge verkaufter und stillgelegter Zertifikate zwischen 2017 und 2020 von 22,1 auf 43,6 Millionen Tonnen. Nach Auswertungen von Marktanalysten unterstützten 68 Prozent der DAX40-Unternehmen, die Zertifikate kauften, Projekte ohne nachweisbaren Klimanutzen.
Beim deutschen Wald kommt ein besonderer Punkt hinzu. Nach den Dürrejahren haben viele Bestände Kohlenstoff verloren statt gespeichert. Ein Zertifikat für zusätzliche Speicherung setzt voraus, dass der Bestand überhaupt wieder zulegt. Auf einer Kahlfläche nach Käferbefall ist das eine Frage von Jahrzehnten.
Was für Waldbesitzer tatsächlich drin ist
Ab 2026 entsteht auf EU-Ebene ein regulierter Rahmen für die Zertifizierung von Kohlenstoffentnahmen. Er soll die Senkenleistung forstwirtschaftlicher Maßnahmen belohnen und damit erstmals eine belastbare Grundlage schaffen. Die Ausgestaltung läuft derzeit noch.
Für Waldbesitzer ist das grundsätzlich eine gute Nachricht, aber keine schnelle. Die Anforderungen an Additionalität, Permanenz und Monitoring sind hoch, und die Projektkosten für Erfassung, Zertifizierung und Überwachung fallen entsprechend aus.
Für kleine Flächen rechnet sich das in aller Regel nicht. Der realistische Weg führt über forstwirtschaftliche Zusammenschlüsse. Sie bündeln mehrere Betriebe und stemmen die Zertifizierung gemeinsam, wodurch sich die Fixkosten verteilen.
Ein Punkt wird in Verkaufsgesprächen gern übersehen. Wer Senkenleistung verkauft, verpflichtet sich zu einer bestimmten Bewirtschaftung über Jahrzehnte. Der Erlös ist damit kein Zusatzertrag ohne Gegenleistung, sondern die Bezahlung für einen dauerhaften Verzicht auf Nutzungsmöglichkeiten.
Steuerlich zählen solche Einnahmen zu den Einkünften aus Land- und Forstwirtschaft. Die genaue Behandlung hängt an der Vertragsgestaltung und gehört vorab mit einem Steuerberater geklärt.
Für Anleger ohne eigenen Wald gilt eine schlichte Klarstellung. Der Kauf freiwilliger CO2-Zertifikate ist keine Geldanlage, sondern eine Ausgabe. Wer damit spekulieren will, kauft in einen unregulierten Markt mit fragwürdiger Preisbildung. Ein stillgelegtes Zertifikat lässt sich zudem definitionsgemäß nicht weiterverkaufen.
Der EU-Rahmen entscheidet über die Glaubwürdigkeit
In den kommenden Monaten zeigt sich, wie streng die europäischen Vorgaben ausfallen. Werden Additionalität und Permanenz konsequent verlangt, dürfte die Zahl der zertifizierbaren Projekte deutlich sinken und der Preis je Tonne steigen.
Für Waldbesitzer wäre das die günstigere Variante. Wenige, teure und glaubwürdige Zertifikate bringen mehr als viele billige, denen niemand vertraut. Wer das Thema verfolgt, sollte deshalb weniger auf Preisprognosen achten als auf den Stand der Rechtsetzung.
Bis dahin gilt für Waldbesitzer ein pragmatischer Rat. Angebote von Vermittlern, die schnelle Erlöse aus Senkenleistung versprechen, gehören geprüft wie jedes andere Vertragsangebot. Die entscheidende Frage lautet, welche Bewirtschaftungspflichten damit über Jahrzehnte übernommen werden.
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Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einschätzung der DieSpekulanten-Redaktion und gibt den Stand vom 17.08.2026 wieder. Unsere Inhalte dienen ausschließlich der Information und sind weder eine Anlageberatung noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Mitglieder unserer Redaktion können Positionen in den besprochenen Wertpapieren halten. Wir finanzieren uns unter anderem über gekennzeichnete Affiliate-Links, etwa im Broker-Vergleich oder bei Amazon. Auf unsere Bewertungen und Inhalte hat das keinen Einfluss. Wie wir arbeiten und wie unsere Inhalte entstehen, können Sie auf der Seite Unsere Logik nachlesen. Alle weiteren rechtlichen Angaben finden Sie in unserem Disclaimer.
