Ein Spiel für 100.000 Dollar brachte später zwei Millionen

Ein Spiel für 100.000 Dollar brachte später zwei Millionen
Im Februar 2019 wechselte ein versiegeltes Super Mario Bros. für etwas über 100.000 Dollar den Besitzer. Das war ein Rekord, denn der bis dahin höchste bekannte Preis für denselben Titel lag 2017 bei rund 30.000 Dollar.
Im August 2021 wurde dasselbe Exemplar für zwei Millionen Dollar weiterverkauft. Innerhalb von zweieinhalb Jahren hatte sich der Preis damit verzwanzigfacht. Gemessen am Wert von 2017 war es sogar das Sechsundsechzigfache.
Zur Käufergruppe von 2019 gehörte der Mitgründer eines der Auktionshäuser, über die solche Spiele gehandelt werden. Genau diese Konstellation hat eine bis heute nachwirkende Debatte über den gesamten Markt ausgelöst.

Die Verbindungen wurden nicht offengelegt
Der Bewertungsdienst Wata Games wurde 2017 gegründet. Zwei Jahre später begann Heritage Auctions mit eigenen Videospielauktionen und nahm dabei zunächst ausschließlich Titel an, die von Wata bewertet worden waren.
Jim Halperin, Mitgründer und Co-Vorsitzender von Heritage Auctions, war zugleich im Beirat von Wata gelistet und hatte in das Unternehmen investiert. Er gehörte zu den drei Käufern jenes Exemplars für über 100.000 Dollar, gemeinsam mit einem Ladenbesitzer, der ebenfalls Wata-zertifizierte Spiele verkaufte.
Heritage veröffentlichte anschließend eine Pressemitteilung über den neuen Weltrekord. Darin wies ein Wata-Vertreter darauf hin, dass Wata-zertifizierte Spiele inzwischen sechsstellige Preise erzielten.
Nicht erwähnt wurde, dass einer der Käufer der Mitgründer des berichtenden Auktionshauses war. Genau diese Auslassung steht im Zentrum der späteren Kritik. Ohne sie wäre die Meldung eine gewöhnliche Rekordnachricht geblieben.
Zur Einordnung gehört, dass an dieser Konstellation für sich genommen nichts Verbotenes liegt. Ein Sammler darf kaufen, ein Auktionshaus darf berichten. Kritisch wird es erst, wenn Beteiligte gleichzeitig Preise setzen, davon profitieren und die Verbindung nicht nennen.
Ein Video machte die Sache öffentlich
Am 23. August 2021 veröffentlichte der australische Journalist und Speedrunner Karl Jobst eine rund 52-minütige Recherche. Sein Vorwurf lautete, dass Bewertungsdienst, Auktionshaus und einzelne Sammler koordiniert gehandelt hätten. Ziel sei es gewesen, die Preise für Retro-Spiele nach oben zu treiben.
Als Belege führte er unter anderem Pressemitteilungen und Medienauftritte an, in denen Verantwortliche beider Unternehmen steigende Preise in Aussicht stellten. Hinzu kam der Kauf und die Schließung der Sammlerseite NintendoAge, wodurch historische Preisdaten aus dem Netz verschwanden.
Beide Unternehmen wiesen die Vorwürfe umgehend und kategorisch zurück. Wata bezeichnete die Behauptungen als vollkommen haltlos. Heritage bestritt jede Beteiligung an Scheingeboten oder Marktmanipulation und verwies auf die eigene Transparenz. Zusätzlich lud das Haus den Journalisten in die Zentrale nach Dallas ein.
Festzuhalten bleibt ein wichtiger Punkt. Ein Nachweis für tatsächlichen Betrug ist bis heute nicht erbracht worden. Was dokumentiert ist, sind personelle Verflechtungen und eine Interessenlage. Ob daraus eine Absprache wurde, ist eine andere Frage.
Für Sammler war der Vorgang trotzdem ein Weckruf. Bis dahin hatten viele die Bewertungsplakette als neutrale Instanz betrachtet, ähnlich einem Prüfsiegel. Die Debatte machte deutlich, dass es sich um ein Geschäftsmodell mit eigenen Interessen handelt.
Die Sammelklage nennt konkrete Zahlen
Am 10. Mai 2022 wurde vor einem amerikanischen Bundesgericht in Kalifornien eine Sammelklage eingereicht. Als Kläger traten Personen auf, die zuvor für Bewertungen bezahlt hatten, nach Schätzungen rund 10.000 an der Zahl.
Die Klageschrift wirft dem Unternehmen gezielte Maßnahmen zur Manipulation des Marktes, unlautere Geschäftspraktiken und irreführende Werbung vor. Ein weiterer Punkt betrifft die Bearbeitungszeiten, die trotz beworbener schneller Abwicklung erheblich überschritten worden sein sollen.
Am aufschlussreichsten ist die Beschreibung der Anreizstruktur. Nach den Klagedokumenten profitierte das Auktionshaus über Kommissionen von Käufern und Verkäufern. Der beteiligte Miteigentümer profitierte vom gestiegenen Wert seines eigenen Spiels, der Bewertungsdienst von zusätzlicher Nachfrage.
Ein Detail macht das greifbar. Die Gebühren für eine Bewertung richten sich bei hochwertigen Objekten nach deren Marktwert. Bei einem Spiel im Wert von einer Million Dollar fallen dadurch rund 20.000 Dollar an. Wer den Wert festlegt, verdient also mit an dessen Höhe. Diese Konstruktion kennt man aus anderen Märkten, etwa bei Ratingagenturen vor der Finanzkrise.
Bemerkenswert ist der zeitliche Zusammenhang. Vor dem Markteintritt des Bewertungsdienstes im Jahr 2017 bewegten sich Spitzenpreise für versiegelte Nintendo-Titel im niedrigen fünfstelligen Bereich. Innerhalb weniger Jahre erreichten sie das Hundertfache. Ob das an neuer Nachfrage lag oder an der Vermarktung, ist bis heute die offene Kernfrage.
Was Sammler daraus mitnehmen sollten
Unabhängig vom Ausgang der juristischen Auseinandersetzung liefert der Fall eine brauchbare Prüfliste für jeden Markt mit Bewertungsdienstleistern.
Die erste Frage lautet, wer an der Bewertung verdient und ob die Gebühr am ermittelten Wert hängt. Ist das der Fall, besteht ein struktureller Anreiz zu großzügigen Einschätzungen. Das sagt nichts über einzelne Prüfer aus, beschreibt aber die Rahmenbedingungen.
Die zweite Frage betrifft die Verflechtungen. Bestehen personelle oder finanzielle Verbindungen zwischen Bewerter, Handelsplatz und großen Sammlern, und werden diese offengelegt.
Die dritte Frage zielt auf die Datenlage. Wer kontrolliert die Preishistorie, und ist sie öffentlich zugänglich. Verschwinden Datenbanken vom Markt, verschlechtert das die Position jedes Käufers erheblich.
Die vierte Frage ist die wichtigste und wird selten gestellt. Wie viele Exemplare eines Titels wurden insgesamt bewertet, und wie viele davon sind tatsächlich verkauft worden. Bei einem bekannten Nintendo-Titel wurden nach damaligen Berichten über 750 Exemplare bewertet, während nur 65 den Besitzer wechselten. Das lässt zwei Deutungen zu, nämlich langfristige Sammler oder zurückgehaltenes Angebot. Für den Preis macht der Unterschied alles aus.
Dieselben Muster kennen wir aus anderen Segmenten dieser Reihe. Bei Sammelkarten, bei Plattformen für Kunstanteile und bei Renditestudien zu Bausteinen tauchen dieselben Fragen auf. Immer geht es um Datenherkunft und Interessenlage, und immer lohnt dieselbe Prüfung.
Für die Einordnung im Depot bleibt es dabei. Ein Markt, dessen Preisbildung von wenigen Akteuren mit Eigeninteresse geprägt wird, verlangt Zurückhaltung. Ein breit gestreuter Aktien-ETF mit täglicher Kursfeststellung hat dieses Problem nicht.
Transparenz ist der eigentliche Prüfstein
Der Markt hat auf die Kritik teilweise reagiert. Bearbeitungszeiten wurden überarbeitet, und die Offenlegung von Verbindungen ist inzwischen ein Thema. Auch Wettbewerber im Bewertungsgeschäft werben mit Unabhängigkeit.
Für Käufer bleibt der beste Schutz eine einfache Gewohnheit. Vor einem größeren Kauf lohnt eine Suche nach dem Namen des Bewertungsdienstes zusammen mit Begriffen wie Klage oder Kritik. Diese Recherche dauert Minuten und liefert genau die Informationen, die in keinem Katalog stehen. Wer sie unterlässt, verlässt sich auf die Selbstdarstellung der Beteiligten.
Transparenzhinweis
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einschätzung der DieSpekulanten-Redaktion und gibt den Stand vom 17.08.2026 wieder. Unsere Inhalte dienen ausschließlich der Information und sind weder eine Anlageberatung noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Mitglieder unserer Redaktion können Positionen in den besprochenen Wertpapieren halten. Wir finanzieren uns unter anderem über gekennzeichnete Affiliate-Links, etwa im Broker-Vergleich oder bei Amazon. Auf unsere Bewertungen und Inhalte hat das keinen Einfluss. Wie wir arbeiten und wie unsere Inhalte entstehen, können Sie auf der Seite Unsere Logik nachlesen. Alle weiteren rechtlichen Angaben finden Sie in unserem Disclaimer.
