Beim Grading bekommt das Siegel eine eigene Note

Nintendo Game Boy neben gestapelten Spielmodulen mit Tetris obenauf vor dem Hintergrund der Bewertung durch Grading-Dienste

Beim Grading bekommt das Siegel eine eigene Note

Gaming4 Min.17.08.2026

Wer eine Bewertung wie 9.6 A++ liest, sieht in Wahrheit zwei getrennte Urteile. Die Zahl beschreibt den Zustand von Verpackung und gegebenenfalls Inhalt, der Buchstabencode bewertet ausschließlich die Originalverschweißung.

Diese Trennung hat einen praktischen Grund. Eine Folie kann makellos sitzen, während der Karton darunter Druckstellen hat, und ebenso ist der umgekehrte Fall möglich. Beide Merkmale bestimmen den Preis unabhängig voneinander, und Sammler achten je nach Titel unterschiedlich stark darauf.

Die Skala für das Siegel reicht in sieben Stufen von A++ über A+, A, B+, B und C+ bis hinunter zu C. Je gleichmäßiger und unbeschädigter die Verschweißung, desto besser fällt sie aus.

Die Skala wird nach oben immer feiner

Bei der Hauptbewertung reicht die Spanne von 0 bis 10. Zwischen 0 und 9 wird in Halbschritten vergeben, oberhalb von 9 dagegen in Schritten von zwei Zehnteln.

Diese Feinheit ist kein Selbstzweck. Im oberen Bereich entscheiden minimale Unterschiede über erhebliche Preisdifferenzen, weshalb eine gröbere Einteilung dort nicht funktionieren würde. Zwischen einer 9.4 und einer 9.8 können bei gefragten Titeln fünfstellige Beträge liegen. Bei gewöhnlichen Titeln spielt derselbe Unterschied kaum eine Rolle.

Bei nicht mehr versiegelten Spielen fließt zusätzlich der Inhalt ein. Bewertet werden dann auch das Modul beziehungsweise der Datenträger und die beiliegende Anleitung. Fehlt eines davon, sinkt die Note deutlich. Bei alten Titeln ist eine vollständige Ausstattung ohnehin die Ausnahme.

Für Sammler in Europa ist ein Punkt wichtig. Die Bewertung bezieht sich immer auf die konkrete Regionalfassung, und eine PAL-Version wird nicht mit einer amerikanischen NTSC-Fassung verglichen.

Diese Doppelbewertung erklärt auch scheinbare Widersprüche im Markt. Ein Spiel mit hoher Zahl und schwachem Siegelgrad kann weniger erzielen als ein Exemplar mit umgekehrtem Profil, je nachdem, worauf der Käuferkreis Wert legt.

Zwei Anbieter mit unterschiedlichen Märkten

Im Markt dominieren zwei Häuser. WATA hat sich vor allem durch spektakuläre Auktionsergebnisse einen Namen gemacht und ist bei amerikanischen Versteigerungen praktisch Standard.

VGA existiert länger und hat besonders in Europa eine gewachsene Gemeinschaft, vor allem bei älteren PAL-Titeln. Für deutsche Sammler ist das keine Nebensache. Ein VGA-Grading wird hier häufig besser akzeptiert als in den Vereinigten Staaten, was den Verkauf im Inland erleichtert.

Beide bewerten nach ähnlichen Grundsätzen, unterscheiden sich aber in der Skalierung, der Gestaltung der Verkapselung und der Akzeptanz im jeweiligen Markt. Wer verkaufen will, sollte deshalb vorher überlegen, wo das Objekt später den Besitzer wechseln soll. Eine PAL-Rarität gehört eher nach Europa.

Ein Umgraden bei einem anderen Anbieter ist möglich, kostet aber erneut Zeit und Geld. Die Kapsel muss dafür geöffnet werden. Die zweite Bewertung fällt zudem nicht zwingend besser aus, was viele Sammler unterschätzen.

Wichtig ist außerdem, dass beide Häuser nur Originalzustände bewerten. Wer eine Verpackung reinigt, glättet oder gar neu einschweißen lässt, riskiert eine Kennzeichnung als verändert. Der Wertverlust ist dann erheblich und dauerhaft.

Der Ablauf dauert Wochen und kostet

Der Vorgang ist bei allen Anbietern ähnlich. Das Spiel wird eingeschickt, von Fachleuten begutachtet, anschließend in eine Acrylhülle eingesetzt, versiegelt und mit einer Bewertungsplakette versehen. Zurück kommt es samt Zertifikat.

Die Bearbeitungszeit liegt je nach gewählter Servicestufe zwischen zwei und zwölf Wochen. Wer es eilig hat, zahlt mehr, und bei hochwertigen Objekten richten sich die Gebühren zusätzlich nach dem geschätzten Wert.

Die Grundkosten beginnen bei etwa 40 bis 60 Dollar je Objekt. Für Sammler in Deutschland kommen erhebliche Nebenkosten hinzu, nämlich versicherter Versand in die USA, der Rückversand sowie Zoll und Einfuhrumsatzsteuer.

In Summe landet man je nach Objekt schnell bei einem dreistelligen Betrag pro Spiel. Und das, bevor überhaupt bekannt ist, welche Note dabei herauskommt.

Ein Restrisiko bleibt beim Transport. Ein Karton, der auf dem Weg beschädigt wird, kommt mit einer schlechteren Note zurück, als er verdient hätte. Sorgfältige Verpackung und eine ausreichende Versicherung sind deshalb keine Nebensache, sondern Teil der Kalkulation.

Wann sich Grading rechnet und wann nicht

Eine einfache Rechnung klärt die Frage. Bei einem Spiel im Wert von 200 Euro fressen Gebühren, Versand und Abgaben den erhofften Aufschlag vollständig auf. Sinnvoll wird der Aufwand erst bei Objekten, die im vierstelligen Bereich liegen oder dort landen könnten. Darunter arbeitet man für die Prüfstelle.

Ein grundsätzliches Missverständnis gehört ausgeräumt. Grading erzeugt keinen Wert, sondern macht ihn überprüfbar. Ein durchschnittliches Spiel wird durch eine Plakette nicht wertvoll, es bekommt lediglich ein dokumentiertes Urteil.

Dieses Urteil kann auch schaden. Fällt die Bewertung schlecht aus, ist sie dauerhaft dokumentiert und lässt sich nicht mehr wegdiskutieren. Ohne Grading hätte derselbe Karton womöglich mehr erzielt, weil Käufer optimistischer geschätzt hätten. Ein Urteil lässt sich nicht zurücknehmen.

Hinzu kommt eine Eigenheit, die viele Sammler stört. Die Verkapselung macht das Objekt endgültig unbenutzbar. Wer ein Spiel gradet, entscheidet sich bewusst gegen jede Nutzung. Ein Öffnen der Kapsel gilt als Wertvernichtung.

Ein kritischer Punkt betrifft die Methode selbst. Eine Bewertung ist ein Urteil von Menschen und keine Messung. Entsprechend gibt es in der Szene Diskussionen über die Konsistenz zwischen verschiedenen Prüfern. Ob dieselbe Ware zweimal dasselbe Ergebnis erhielte, ist eine offene Frage.

Steuerlich ändert Grading nichts an der Einordnung. Ein gezielt zur Wertsteigerung erworbenes Sammlerstück fällt unter die einjährige Haltefrist nach Paragraf 23 Einkommensteuergesetz. Verglichen mit einem Aktien-ETF für unter 0,2 Prozent im Jahr sind die Nebenkosten dieses Marktes erheblich.

Für Sammler ohne Verkaufsabsicht lohnt Grading praktisch nie. Wer eine Sammlung aus Interesse aufbaut, zahlt für ein Urteil, das ihm selbst nichts bringt. Zusätzlich macht er die Stücke damit unbenutzbar.

Die Note ersetzt keine eigene Prüfung

Für Käufer bleibt eine wichtige Einschränkung. Eine hohe Bewertung sagt etwas über den Zustand aus, aber nichts über die Seltenheit der Auflage. Genau diese entscheidet bei Retro-Spielen über den Preis.

Wer kauft, sollte deshalb beides prüfen. Die Note liefert die Zustandsinformation, die Kenntnis der Verpackungsvarianten die Information über die Auflage. Erst zusammen ergeben sie ein Bild. Die zweite Hälfte davon muss man sich selbst erarbeiten, denn kein Dienstleister nimmt einem diese Einschätzung ab.

Ein letzter Hinweis betrifft die Anbieterlandschaft. Auch Bewertungsdienste können den Markt verlassen oder ihre Standards ändern. Der Wert einer Plakette hängt am Fortbestand des Unternehmens dahinter. Wer eine Sammlung darauf aufbaut, sollte diese Abhängigkeit kennen.

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Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einschätzung der DieSpekulanten-Redaktion und gibt den Stand vom 17.08.2026 wieder. Unsere Inhalte dienen ausschließlich der Information und sind weder eine Anlageberatung noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Mitglieder unserer Redaktion können Positionen in den besprochenen Wertpapieren halten. Wir finanzieren uns unter anderem über gekennzeichnete Affiliate-Links, etwa im Broker-Vergleich oder bei Amazon. Auf unsere Bewertungen und Inhalte hat das keinen Einfluss. Wie wir arbeiten und wie unsere Inhalte entstehen, können Sie auf der Seite Unsere Logik nachlesen. Alle weiteren rechtlichen Angaben finden Sie in unserem Disclaimer.