Der Artprice100 stieg 11,2 Prozent und misst trotzdem wenig

Der Artprice100 stieg 11,2 Prozent und misst trotzdem wenig
Der bekannteste Kunstindex legte im Jahr 2025 um 11,2 Prozent zu und erreichte damit seinen höchsten Stand überhaupt. Ein Jahr zuvor hatte derselbe Index 8,3 Prozent verloren.
Zum Vergleich stieg der amerikanische Aktienindex S&P 500 im selben Jahr um 17 Prozent. Kunst hat den Aktienmarkt 2025 also nicht geschlagen, obwohl die Schlagzeilen anderes vermuten ließen.
Viel wichtiger ist eine andere Einschränkung. Dieser Index misst ausschließlich Auktionsergebnisse und beschreibt ein rein theoretisches Portfolio. Wer verstehen will, was Kunstindizes taugen, muss ihre Konstruktion kennen.

Zwei Methoden, zwei verschiedene Aussagen
Der Artprice100 existiert seit 2018 und bildet die hundert wichtigsten Künstler des Auktionsmarkts ab. Ausgewählt werden sie nach den Ergebnissen der vergangenen fünf Jahre, gewichtet nach Auktionsumsatz. Die Zusammensetzung wird jeweils zum 1. Januar neu bestimmt.
Diese Gewichtung hat eine Folge. Künstler mit hohem Umsatz bestimmen den Index überproportional, weshalb einzelne Rekordzuschläge das Bild verschieben können. Der Anbieter selbst weist auf die Grenzen hin. Niemand könnte dieses Portfolio tatsächlich kaufen, weil sich nicht vorhersagen lässt, welche Werke in zwölf Monaten versteigert werden.
Der Mei Moses Index geht einen anderen Weg. Entwickelt wurde er 2002 von zwei Professoren der New York University, seit 2016 gehört er Sotheby's. Er vergleicht ausschließlich Objekte, die mindestens zweimal versteigert wurden, und misst die Differenz zwischen beiden Zuschlägen.
Dieses Verfahren heißt Repeat Sales und hat einen echten Vorteil. Verglichen wird dasselbe Objekt mit sich selbst, nicht ein Picasso mit einem Warhol. Daneben führt Artnet eine Datenbank mit Ergebnissen seit 1985 aus über 1.800 Auktionshäusern.
Beide Ansätze haben ihre Berechtigung und beantworten verschiedene Fragen. Der eine zeigt, wie sich das Preisniveau bei den gefragtesten Künstlern entwickelt. Der andere zeigt, was ein konkretes Objekt zwischen zwei Verkäufen an Wert gewonnen hat.
Die Hälfte des Marktes fehlt komplett
Hier liegt die größte Schwäche aller genannten Indizes. Sie erfassen ausschließlich öffentliche Auktionen.
Nach dem Art Basel und UBS Global Art Market Report entfielen 2025 rund 34,8 Milliarden Dollar auf Galerien und Händler. Auktionen kamen auf 20,7 Milliarden. Rund 58 Prozent des Marktvolumens taucht in keinem Index auf.
Hinzu kommen die Privatverkäufe, die Auktionshäuser selbst außerhalb ihrer Säle vermitteln. Auch diese Umsätze sind nicht öffentlich und fließen in keine Statistik ein. Gerade bei sehr teuren Werken wählen Verkäufer diesen Weg, um ein öffentliches Scheitern zu vermeiden.
Ein dritter Punkt betrifft die Misserfolge. Erreicht ein Werk sein Limit nicht, bleibt es unverkauft und erzeugt keinen Datenpunkt. Ein Index aus Auktionsergebnissen enthält deshalb ausschließlich gelungene Verkäufe.
Ein Beispiel macht die Wirkung greifbar. Wenn in einem schwachen Jahr besonders viele Lose unverkauft bleiben, sinkt der Index nicht entsprechend. Er misst nur die Werke, für die sich jemand fand, und blendet die schlechte Nachricht aus. Die Verkaufsquote einer Auktion ist deshalb oft aufschlussreicher als der erzielte Durchschnittspreis.
Überlebens- und Auswahlverzerrung wirken zusammen
Zwei Effekte ziehen gemessene Kunstrenditen systematisch nach oben. Der erste heißt Überlebensverzerrung. Werke von Künstlern, die aus der Mode geraten sind, kommen schlicht nie wieder auf den Markt, weil sich der Verkauf nicht lohnt. Der Ökonom William Goetzmann hat diesen Effekt bereits in den 1990er Jahren untersucht.
Der zweite Effekt betrifft die Auswahl. Ein Eigentümer bringt ein Werk dann zur Auktion, wenn er einen guten Preis erwartet. Bei erwartetem Verlust wartet er, vererbt oder verkauft privat. Die Stichprobe besteht damit überwiegend aus Fällen mit positiver Erwartung.
Beim Repeat-Sales-Verfahren kommt eine methodische Eigenheit hinzu. Untersuchungen von Goetzmann und Peng zeigen, dass der zugrunde liegende Schätzer selbst verzerrt ist, wenn nur wiederverkaufte Objekte betrachtet werden.
Genau dieselben Mechanismen kennen wir aus den Renditestudien zu LEGO und aus den Erfolgsbilanzen von Plattformen für Anteile an Sachwerten. Wo nur die Gewinner in die Statistik kommen, sieht die Statistik gut aus.
Für Privatanleger ist das doppelt unangenehm. Der Teil des Markts, der in den Indizes fehlt, ist genau der Teil, in dem die meisten von ihnen tatsächlich kaufen.
Was die Forschung tatsächlich findet
Trotz aller Einschränkungen liefert die Wissenschaft brauchbare Größenordnungen. Studien auf Basis wiederholter Verkäufe kommen über sehr lange Zeiträume auf reale Renditen von etwa 4 bis 5 Prozent im Jahr. Hedonische Ansätze, die einzelne Werkmerkmale bewerten, ermitteln für den Zeitraum 1951 bis 2007 rund 4 Prozent.
Ein Befund überrascht regelmäßig. Der sogenannte Masterpiece-Effekt ist negativ, teure Spitzenwerke schneiden also schlechter ab als der breite Markt. Wer die Rekordzuschläge aus den Schlagzeilen für die beste Anlage hält, liegt nach dieser Forschung falsch. Eine Erklärung lautet, dass für berühmte Werke ein Aufschlag für Prestige gezahlt wird, der sich beim Wiederverkauf nicht wiederholt.
Der wichtigste Punkt für Anleger betrifft die Korrelation. Artprice beziffert den Zusammenhang zwischen dem eigenen Index und dem S&P 500 für den Zeitraum ab 2000 auf einen Koeffizienten von 0,88. Seit 2010 liegt er sogar bei 0,91.
Damit gerät das Hauptargument für Kunst im Depot ins Wanken. Wer eine Anlage sucht, die anders läuft als Aktien, findet in diesen Zahlen wenig Unterstützung. Kunstpreise steigen offenbar dann, wenn ohnehin viel Vermögen vorhanden ist. Das Jahr 2024 zeigte allerdings, dass beide Märkte auseinanderlaufen können. Der Artprice100 verlor 8,3 Prozent, während der S&P 500 um 24 Prozent zulegte.
Ein letzter Punkt wird in keiner Indexmeldung erwähnt. Keiner dieser Indizes rechnet Aufgeld, Verkäuferkommission, Versicherung, Lagerung oder Restaurierung heraus. Die tatsächliche Rendite eines Sammlers liegt entsprechend niedriger als jede veröffentlichte Zahl. Bei 30 bis 40 Prozent Transaktionskosten über einen Kauf- und Verkaufszyklus ist das kein kleiner Abzug.
Ein Index ersetzt keine Bewertung
Für die Praxis bleiben zwei Empfehlungen. Kunstindizes taugen als Stimmungsbarometer für den oberen Auktionsmarkt und für den Vergleich einzelner Jahre. Als Grundlage für eine Anlageentscheidung taugen sie nicht.
Wer den Wert eines konkreten Werks einschätzen will, kommt an Einzeldaten nicht vorbei. Die Auktionsdatenbanken zeigen, welche Arbeiten eines Künstlers wann zu welchem Preis verkauft wurden und welche unverkauft blieben. Diese zweite Information ist die interessantere und steht in keinem Index.
Für ein Depot bleibt daraus eine nüchterne Ableitung. Kunst liefert historisch etwa den Ertrag, den man auch von Anleihen erwarten würde, bei deutlich höheren Kosten und ohne verlässliche Handelbarkeit. Wer trotzdem sammelt, sollte das aus Interesse tun und nicht wegen einer Indexzahl.
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Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einschätzung der DieSpekulanten-Redaktion und gibt den Stand vom 17.08.2026 wieder. Unsere Inhalte dienen ausschließlich der Information und sind weder eine Anlageberatung noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Mitglieder unserer Redaktion können Positionen in den besprochenen Wertpapieren halten. Wir finanzieren uns unter anderem über gekennzeichnete Affiliate-Links, etwa im Broker-Vergleich oder bei Amazon. Auf unsere Bewertungen und Inhalte hat das keinen Einfluss. Wie wir arbeiten und wie unsere Inhalte entstehen, können Sie auf der Seite Unsere Logik nachlesen. Alle weiteren rechtlichen Angaben finden Sie in unserem Disclaimer.
