Burgund hat Bordeaux überholt und der Weinmarkt dreht

Burgund hat Bordeaux überholt und der Weinmarkt dreht
Im Juli 2026 wurde auf der Handelsplattform Liv-ex zum ersten Mal seit drei Jahren mehr Burgunder gehandelt als Bordeaux. Der Index Burgundy 150 hat dabei wieder das Preisniveau von 2019 erreicht. Nach einer Korrektur, die im Oktober 2022 begann, ist das ein deutliches Signal.
Der Gesamtmarkt hinkt allerdings hinterher. Der Liv-ex Fine Wine 100 notiert weiterhin rund 25 bis 30 Prozent unter seinem damaligen Hoch. Über zehn Jahre bis Ende 2025 legte der Index 34,1 Prozent zu, auf Fünfjahressicht steht dagegen ein Minus von 24,7 Prozent.
Beide Zahlen stammen aus derselben Quelle und widersprechen sich nicht. Sie zeigen nur, wie sehr das Ergebnis vom Einstiegszeitpunkt abhängt. Wer Wein als Anlage betrachtet, sollte diesen Markt deshalb zuerst als Datenproblem verstehen.

Was der Liv-ex überhaupt abbildet
Liv-ex ist keine Auktionsplattform für Privatleute, sondern eine Handelsbörse für den Weinhandel mit mehreren hundert Mitgliedsfirmen weltweit. Die veröffentlichten Indizes messen also Preise zwischen Profis.
Drei Kennzahlen tauchen in Berichten immer wieder auf. Der Fine Wine 50 folgt täglich den Bordeaux-Spitzengewächsen und ist der schnellste Indikator. Der Fine Wine 100 wird monatlich berechnet und gilt als Branchenmaßstab. Der Fine Wine 1000 ist die breiteste Messung und zerfällt in sieben Regionalindizes, darunter Bordeaux 500, Burgundy 150, Champagne 50 und Italy 100.
Der Burgundy 150 bildet die zehn jüngsten physischen Jahrgänge von 15 Weinen ab, davon allein sechs Etiketten der Domaine de la Romanée-Conti. Diese Konstruktion erklärt viel. Wenn wenige Spitzenproduzenten anziehen, hebt das den ganzen Index.
Ein weiterer Punkt betrifft die Aktualisierung. Liv-ex überprüft die Zusammensetzung regelmäßig und tauscht Jahrgänge nach festen Regeln aus. Das hält die Indizes handelbar, sorgt aber dafür, dass sie nicht dieselben Flaschen über Jahrzehnte verfolgen. Ein Vergleich mit einem Aktienindex hinkt an dieser Stelle.
Für Privatanleger folgt daraus eine wichtige Einschränkung. Ein Indexstand beschreibt, was Händler untereinander zahlen. Was jemand beim Verkauf der eigenen Kiste tatsächlich bekommt, liegt regelmäßig darunter.
Die Erholung trägt nur wenige Namen
Wie schmal die Basis ist, zeigt ein Blick auf den Juli. Die vier Erzeuger Domaine de la Romanée-Conti, Ramonet, Leflaive und d'Auvenay machten zusammen rund ein Drittel des gesamten Burgunder-Handels auf Liv-ex aus.
Der Anteil Burgunds am Gesamthandel stieg auf 25 Prozent und damit auf den höchsten je gemessenen Wert. Bordeaux liegt mit 33 Prozent zwar weiter vorn, hat über das vergangene Jahrzehnt aber kontinuierlich verloren. Bei den Bordeaux-Preisen hat sich seit drei Jahren kaum etwas bewegt, und die En-primeur-Kampagne 2026 für den Jahrgang 2025 verlief verhalten.
Unterhalb der Spitze sieht es anders aus. Liv-ex-Analystin Sophia Gilmour rechnet bei Weinen unter rund 500 Euro je Flasche mit weiteren Preisrückgängen, weil das Angebot die Nachfrage übersteigt. Der Markt spaltet sich also in wenige gesuchte Namen und einen breiten Rest.
Diese Spaltung hat einen praktischen Grund. In der Korrektur haben sich viele Händler von breiten Beständen getrennt und konzentrieren sich nun auf Namen mit sicherer Nachfrage. Wer eine Flasche nicht binnen Wochen weiterverkaufen kann, bindet Kapital. Deshalb kommt der Aufschwung zuerst ganz oben an.
Champagner liefert ein Gegenbeispiel für stille Stärke. Der durchschnittliche Handelspreis für Pol Roger Reserve Brut kletterte binnen eines Jahres von 284 auf 294 Pfund. Gemessen wurde jeweils das zweite Quartal, das Plus beträgt rund 3,5 Prozent. Jacques Selosse Initial legte im selben Zeitraum von 3.264 auf 3.569 Pfund zu, also gut 9 Prozent.
Lagerung entscheidet über den Wiederverkauf
Bei kaum einem Sammelgut ist die Herkunftskette so preisrelevant wie beim Wein. Fachleute sprechen von Provenienz, gemeint ist die lückenlose Geschichte einer Flasche seit dem Verlassen des Weinguts.
Professionelle Anleger lagern deshalb im Zolllager, im Fachjargon bonded warehouse. Dort bleibt der Wein unter kontrollierter Temperatur und Luftfeuchte, und Steuern fallen erst beim Auslagern an. Die Lagerung kostet je nach Anbieter einen niedrigen zweistelligen Betrag pro Kiste und Jahr. Dazu kommen Versicherung sowie Gebühren fürs Ein- und Auslagern.
Wer zu Hause im Keller lagert, verliert beim Verkauf. Ohne dokumentierte Lagerbedingungen zahlen Käufer Abschläge, teilweise deutlich zweistellig. Auch die Originalverpackung zählt. Eine ungeöffnete Holzkiste mit sechs oder zwölf Flaschen bringt mehr als dieselben Flaschen einzeln.
Die Flaschengröße spielt ebenfalls mit. Magnums mit 1,5 Litern altern langsamer und erzielen pro Liter regelmäßig höhere Preise als normale Flaschen. Sehr große Formate sind dagegen schwerer zu verkaufen, weil der Käuferkreis schrumpft. Als praktischster Standard für den Wiederverkauf gilt die Sechserkiste in Originalverpackung.
Kleinigkeiten entscheiden zusätzlich. Ein abgeriebenes Etikett, ein gesunkener Füllstand oder eine beschädigte Kapsel drücken den Preis, obwohl der Inhalt unverändert ist.
Was Anleger einkalkulieren müssen
Die Kostenseite ist umfangreicher, als der Blick auf Indexrenditen vermuten lässt. Beim Kauf über den Handel liegen zwischen An- und Verkaufspreis je nach Wein spürbare Aufschläge. Auktionshäuser verlangen Aufgelder von Käufer und Verkäufer, die zusammen zweistellig ausfallen können. Weinfonds und Verwaltungsdienste berechnen laufende Gebühren.
Fälschungen sind ein reales Thema, besonders bei alten und sehr teuren Jahrgängen. Der Fall des Sammlers Rudy Kurniawan, der jahrelang gefälschte Spitzenweine in den Markt schleuste, gilt bis heute als Mahnung. Wer im vierstelligen Bereich kauft, sollte auf nachvollziehbare Herkunft bestehen.
Eine Alternative zum Direktkauf sind verwaltete Weinportfolios. Anbieter kaufen, lagern und verkaufen im Auftrag und berechnen dafür eine jährliche Gebühr, häufig im niedrigen einstelligen Prozentbereich des Depotwerts. Mindestanlagen beginnen meist im mittleren vierstelligen Bereich. Solche Modelle nehmen Arbeit ab, senken aber die Rendite und schaffen eine Abhängigkeit vom Anbieter.
Steuerlich ist die Lage in Deutschland freundlich. Nach Paragraf 23 Einkommensteuergesetz sind Gewinne aus dem privaten Verkauf steuerfrei, wenn zwischen Kauf und Verkauf mehr als ein Jahr liegt. Belege gehören trotzdem aufbewahrt.
Der Heimatmarkt liefert allerdings Gegenwind. Der Weinkonsum in Deutschland sank 2025 nach Angaben des Deutschen Weininstituts um sieben Prozent. Der Händler Hawesko senkte im August seine Jahresprognose nach einem schwachen ersten Halbjahr.
Als Depotbaustein bleibt Wein damit eine Beimischung für Menschen mit Interesse an der Sache. Ein breit gestreuter Aktien-ETF lässt sich täglich verkaufen und zahlt Dividenden. Eine Kiste Burgunder liefert weder das eine noch das andere, dafür kann man sie im Zweifel trinken.
Die nächste En-primeur-Runde wird zum Test
Liv-ex selbst erwartet eine breitere Erholung des Handels gegen Ende 2026. Als Treiber gelten die Rückkehr amerikanischer Käufer und wachsendes Interesse aus Hongkong und Singapur, getragen von einer jüngeren Käuferschicht.
Ob daraus mehr wird als ein Aufschwung weniger Blue-Chip-Namen, entscheidet sich im mittleren Preissegment. Solange Flaschen unter 500 Euro weiter unter Angebotsdruck stehen, bleibt die Erholung schmal. Genau dort liegt aber der Einstieg für die meisten Privatanleger.
Wer starten möchte, sollte klein anfangen und mit fünf bis sieben Jahren rechnen. Wein braucht Zeit, im Glas wie im Depot. Ein schneller Wiederverkauf ist in diesem Markt fast immer die teuerste Variante.
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Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einschätzung der DieSpekulanten-Redaktion und gibt den Stand vom 17.08.2026 wieder. Unsere Inhalte dienen ausschließlich der Information und sind weder eine Anlageberatung noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Mitglieder unserer Redaktion können Positionen in den besprochenen Wertpapieren halten. Wir finanzieren uns unter anderem über gekennzeichnete Affiliate-Links, etwa im Broker-Vergleich oder bei Amazon. Auf unsere Bewertungen und Inhalte hat das keinen Einfluss. Wie wir arbeiten und wie unsere Inhalte entstehen, können Sie auf der Seite Unsere Logik nachlesen. Alle weiteren rechtlichen Angaben finden Sie in unserem Disclaimer.
