Goldene Bitcoin-Münzen mit Spiegelung auf dunkler Oberfläche als Bezug zum Kursanstieg der Circle-Aktie
💰4 Min.03.09.2026

Die Marke von 100 Dollar fällt

Circle Internet Group (NYSE: CRCL) hat am Donnerstag 16,46% auf 103,23 Dollar zugelegt. Der Herausgeber der Digitalwährung USDC gewann damit 14,59 Dollar je Aktie und überschritt erstmals seit Wochen wieder die runde Marke von 100 Dollar. Der Börsenwert stieg auf 26,20 Milliarden Dollar.

Rund 22,1 Millionen Aktien wechselten den Besitzer, gegenüber einem Dreimonatsschnitt von 13,7 Millionen. Der Kurssprung setzt eine mehrtägige Erholung fort. Ende August notierte das Papier noch bei rund 63 Dollar, seither hat es gut 60% gutgemacht.

Trotz dieser Bewegung bleibt die Jahresbilanz negativ. Auf Zwölfmonatssicht steht ein Minus von 24,56%. Vom Rekordhoch bei knapp 263 Dollar ist die Aktie weit entfernt. Zwischen diesem Hoch und dem Tief bei rund 50 Dollar liegt der Kurs derzeit ungefähr in der Mitte.

Der Auftritt vor dem Kongress wirkt nach

Der Antrieb kam aus der Politik. Circle-Präsident Heath Tarbert sagte am Mittwoch vor dem Finanzausschuss des US-Repräsentantenhauses aus. Seine Kernbotschaft lautete, dass Digitalwährungen mit Dollardeckung ein Instrument seien, um die Rolle des Dollars in künftigen globalen Zahlungssystemen zu sichern.

Parallel erhielt Circle Banklizenzen auf Bundesebene nach dem sogenannten GENIUS Act. Damit erhält das Unternehmen einen aufsichtsrechtlichen Status, den Wettbewerber erst noch erreichen müssen. Eine Bundeslizenz erspart den mühsamen Weg über einzelne Bundesstaaten und öffnet die Tür zu institutionellen Kunden. Firmenchef Jeremy Allaire ergänzte die Erzählung mit einer Prognose. Der Markt für solche Digitalwährungen könne von seinem heutigen Umfang auf weit über eine Billion Dollar wachsen.

Zum besseren Verständnis lohnt eine kurze Einordnung. USDC ist eine sogenannte Stablecoin, also eine Digitalwährung mit festem Wechselkurs zum Dollar. Für jeden ausgegebenen USDC hält Circle einen Dollar oder ein kurzlaufendes Staatspapier als Deckung. Der Umlauf lag zuletzt bei rund 73 Milliarden Dollar, jeder davon ist also durch echte Vermögenswerte gedeckt. Neben USDC gibt Circle mit EURC auch eine Euro-Variante heraus. Genutzt werden diese Münzen vor allem für Zahlungen zwischen Handelsplattformen, für grenzüberschreitende Überweisungen und zunehmend auch für tokenisierte Wertpapiere.

Das Geschäftsmodell ist dabei überraschend simpel. Circle verdient in erster Linie an den Zinsen auf diese Reserven. Steigen die Zinsen, wächst der Ertrag automatisch mit. Fallen sie, schrumpft er. Ein Teil dieser Erträge geht dabei als Vergütung an Vertriebspartner, allen voran Coinbase, über deren Plattform ein großer Teil der Münzen gehalten wird.

Bitcoin und die Fed liefern Rückenwind

Der zweite Treiber kam von den Kryptomärkten. Bitcoin stieg am Donnerstag um rund 5% auf etwa 81.000 Dollar und markierte den höchsten Stand seit drei Monaten. Fed-Gouverneur Christopher Waller hatte zuvor erklärt, er würde eine Zinspause unterstützen, sofern die Inflationsdaten weiter nachgeben.

Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung auf der Septembersitzung fiel daraufhin von 63,2% auf 50,4%. Auch Coinbase legte rund 10% zu, der breite US-Markt gewann etwa 1%. Dow Jones und S&P 500 verbuchten ihren besten Handelstag seit einem Monat.

Für Circle ist dieser Zusammenhang zweischneidig, und das übersehen viele Anleger. Steigende Kryptokurse bringen mehr Nutzer und mehr Umlauf für USDC. Sinkende Zinsen schmälern jedoch den Ertrag auf die Reserven. Wir halten das für die zentrale Spannung im Geschäftsmodell. Circle profitiert von Krypto-Optimismus und von hohen Zinsen gleichzeitig, und beide Faktoren treten selten zusammen auf.

Unterstützung kam zudem von Analysten. Bernstein bestätigte am 1. September die Kaufempfehlung. Zusätzlich vereinbarte Circle eine Partnerschaft mit der Handelsplattform OKX, die die Liquidität von USDC im Spot- und Terminhandel verbessern soll.

Die Konkurrenz formiert sich

Ganz ohne Gegenwind lief der Tag nicht. Parallel zur Rally wurde bekannt, dass 21 große Namen aus der traditionellen Finanzwelt an einer eigenen, bankgestützten Digitalwährung arbeiten. Ein solches Gemeinschaftsprojekt hätte Zugang zu Millionen bestehender Bankkunden. Damit entfiele für die Konkurrenz die größte Hürde, nämlich Vertrauen und Verbreitung von Grund auf aufzubauen.

Der Markt wertete diese Nachricht am Donnerstag als nachrangig. Die Logik dahinter ist nachvollziehbar. Eine klare gesetzliche Grundlage nützt zunächst dem Anbieter, der am weitesten ist, und das ist derzeit Circle. Ob dieser Vorsprung hält, wenn Großbanken mit eigenen Produkten antreten, steht auf einem anderen Blatt. Auch der Wettbewerber Tether und neuere Anbieter aus dem Umfeld etablierter Zahlungsdienstleister drängen in denselben Markt.

Bereits jetzt drückt der Wettbewerb auf das Wachstum. Der Umlauf von USDC stagnierte über weite Strecken des Jahres 2026. Genau darin liegt der Grund, warum die Aktie trotz des starken Geschäftsmodells auf Jahressicht im Minus steht. Ohne wachsenden Umlauf gibt es keine wachsenden Reserven und damit keine wachsenden Zinserträge.

Zahlen und Bewertung im Vergleich

Operativ hat sich die Lage zuletzt gebessert. Im zweiten Quartal erwirtschaftete Circle 701 Millionen Dollar aus Umsatz und Reserveerträgen sowie einen Nettogewinn von 48 Millionen Dollar. Damit kehrte das Unternehmen nach den hohen Kosten der Aktienvergütungen aus der Börsenzeit in die Gewinnzone zurück.

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei 48,39. Für ein Finanzunternehmen ist das hoch, für ein Technologieunternehmen mit dieser Wachstumsfantasie eher moderat. Die Einordnung hängt also davon ab, in welche Schublade man Circle steckt. Bei 253,9 Millionen ausstehenden Aktien ergibt sich der genannte Börsenwert. Der Börsengang liegt erst gut ein Jahr zurück, entsprechend dünn ist die Datenlage für einen Vergleich über mehrere Jahre.

Aus unserer Sicht ist Circle weder das eine noch das andere. Das Unternehmen ähnelt am ehesten einem Geldmarktfonds mit angeschlossener Zahlungsinfrastruktur. Die Erträge hängen an Zinsniveau und Umlaufmenge, das Wachstum an der Verbreitung digitaler Zahlungen. Diese Mischung ist schwer zu bewerten und erklärt die enorme Kursspanne zwischen knapp 50 und 263 Dollar in zwölf Monaten. Anleger sollten sich darauf einstellen, dass die Schwankungen vorerst hoch bleiben.

Arc geht Mitte September an den Start

Der wichtigste Termin steht im Kalender. Am 16. September soll das eigene Blockchain-Netzwerk Arc live gehen. Damit will Circle über die Ausgabe von Digitalwährungen hinauswachsen und Transaktionsgebühren einnehmen, die bislang an fremde Netzwerke wie Ethereum oder Solana flossen.

Gelingt der Start, erweitert sich das Geschäftsmodell um eine zweite Ertragssäule mit hoher Marge. Anleger sollten daneben die Sitzung der US-Notenbank am 15. und 16. September verfolgen, weil das Zinsniveau direkt in die Reserveerträge fließt. Und schließlich bleibt die Frage offen, wie schnell das Bankenkonsortium seine eigene Digitalwährung an den Markt bringt. Die nächsten Quartalszahlen erwarten wir Anfang November.