Robinhood profitiert von Wettmärkten und Krypto

Ein Kurssprung aus mehreren Richtungen
Robinhood Markets (NASDAQ: HOOD) hat am Donnerstag 16,57% auf 124,72 Dollar zugelegt. Der Neobroker gewann damit 17,73 Dollar je Aktie, ausgehend von einem Vortagesschluss bei 106,99 Dollar. Der Börsenwert kletterte auf 112,08 Milliarden Dollar.
Rund 48,8 Millionen Aktien wechselten den Besitzer, das Doppelte des Dreimonatsschnitts von 24,4 Millionen. Auch die Wettbewerber zogen mit. Webull legte rund 7% zu, Interactive Brokers etwa 4%. Der gesamte Sektor der Handelsplattformen bewegte sich nach oben, allerdings deutlich schwächer als Robinhood selbst.
Anders als bei vielen Tagesgewinnern lässt sich der Anstieg nicht auf eine einzige Meldung zurückführen. Drei Entwicklungen fielen zusammen. Wir halten das für den Kern der Geschichte, weil jede einzelne davon für sich genommen kaum zweistellige Kursgewinne erklärt.
Die Wall Street entdeckt die Prognosemärkte
Der erste Impuls kam von der Deutschen Bank. Deren Analysten veröffentlichten eine Studie zu Prognosemärkten und deren Bedeutung für Broker, Vermögensverwalter und Börsen. Am größten sei das Wachstumspotenzial bei Kontrakten auf wirtschaftliche Kennzahlen. Robinhood gilt in dieser Analyse als einer der Hauptprofiteure, weil die App diese Produkte früh und breit ausgerollt hat.
Prognosemärkte funktionieren wie Wetten auf künftige Ereignisse. Nutzer kaufen Kontrakte, die bei Eintritt eines Ergebnisses einen Dollar wert sind und sonst nichts. Der Preis dazwischen spiegelt die Wahrscheinlichkeit wider, die der Markt dem Ausgang zuschreibt. Robinhood bietet solche Kontrakte auf Sportereignisse, Wahlen und Wirtschaftsdaten an. Für den Anbieter ist das attraktiv, weil er an jedem gehandelten Kontrakt eine kleine Gebühr verdient und dabei kein eigenes Risiko trägt. Ein großes Sportturnier oder eine wichtige Wahl kann die Volumina binnen Wochen vervielfachen.
Für den Broker ist das ein lukratives Geschäft. Im zweiten Quartal verzehnfachten sich die Erlöse aus diesem Bereich. Der Gesamtumsatz stieg um 32,25% auf 1,3 Milliarden Dollar, der Gewinn je Aktie erreichte 0,62 Dollar. Beide Werte lagen über den Erwartungen. Rechnet man den Umsatz aus den Prognosemärkten hoch, wird aus einem Nebenprodukt schnell eine tragende Säule.
Kurz darauf nahm Scotiabank-Analyst Lance Jessurun die Bewertung der Aktie auf und startete mit einer Kaufempfehlung sowie einem Kursziel von 136 Dollar. Seine Begründung fasst die Debatte gut zusammen. Der Markt behandle Robinhood weiterhin als zyklischen Privatanlegerbroker und übersehe dabei stabilere Erlösquellen wie Zinsergebnis, Abonnements und das internationale Kryptogeschäft.
Morgan Stanley hatte zwei Tage zuvor vorgelegt
Der zweite Baustein stammt vom Wochenbeginn. Morgan Stanley stufte Robinhood am 1. September von Neutral auf Übergewichten hoch und hob das Kursziel von 124 auf 150 Dollar an. Die Begründung zielt auf denselben Punkt. Robinhood könne aus dem bestehenden Kundenstamm deutlich mehr Umsatz herausholen, statt vor allem auf neue Konten angewiesen zu sein.
Diese Sichtweise stützt sich auf den Produktausbau der vergangenen Jahre. Aus einer App für kostenlosen Aktienhandel ist ein Finanzdienstleister mit Bankkonten, Altersvorsorge, Kreditkarten, Vermögensberatung und Prognosemärkten geworden. Dazu kamen geschlossene Fonds, über die Privatanleger in nicht börsennotierte Unternehmen investieren können. Der jüngste dieser Fonds ist mit bis zu 255,5 Millionen Dollar angesetzt, der Anteilspreis liegt bei 25 Dollar. Im Sommer erhielt Robinhood zudem die Erlaubnis der britischen Finanzaufsicht, dort Kryptodienste anzubieten.
Wie wichtig diese Streuung ist, zeigt eine Zahl aus dem letzten Quartalsbericht. Das Handelsvolumen mit Kryptowährungen fiel um 38% gegenüber dem Vorjahr. Trotzdem wuchs der Umsatz um fast ein Drittel. Vor drei Jahren wäre ein solcher Einbruch im Kryptogeschäft direkt auf die Gesamtzahlen durchgeschlagen. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einer Handelsapp und einer Plattform.
Bitcoin liefert den dritten Impuls
Der dritte Faktor kam von außen. Bitcoin stieg am Donnerstag um rund 5% auf etwa 81.000 Dollar und erreichte den höchsten Stand seit drei Monaten. Auslöser war eine Äußerung von Fed-Gouverneur Christopher Waller, der eine Zinspause unterstützen würde, sofern die Inflationsdaten weiter nachgeben.
Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September fiel daraufhin von 63,2% auf 50,4%. Für Robinhood wirkt das doppelt. Steigende Kryptokurse bringen mehr Handelsaktivität und damit mehr Provisionen. Gleichzeitig profitieren Wachstumsaktien allgemein von nachlassendem Zinsdruck. Ein Detail wirkt dabei gegenläufig. Sinkende Zinsen schmälern langfristig das Zinsergebnis, das Robinhood auf Kundenguthaben erwirtschaftet. Kurzfristig überwiegt jedoch der Effekt aus höherer Handelsaktivität deutlich.
Genau diese Verstärkung macht die Aktie so schwankungsanfällig. In den vergangenen zwölf Monaten verzeichnete das Papier rund 49 Tagesbewegungen von mehr als 5%. Wer hier investiert, sollte das einkalkulieren. Ruhige Seitwärtsphasen gibt es bei diesem Papier praktisch nicht.
Was die Bewertung inzwischen verlangt
Robinhood wird mit dem 46-fachen Gewinn der vergangenen zwölf Monate bewertet. Für einen Broker ist das ambitioniert. Klassische Häuser wie Interactive Brokers werden meist mit deutlich niedrigeren Multiplikatoren gehandelt. Der Grund liegt in der Schwankungsbreite der Erträge, die stark von der Stimmung der Privatanleger abhängt.
Der Aufschlag lebt von der Annahme, dass Robinhood kein Broker mehr ist, sondern eine Finanzplattform mit mehreren Wachstumsmotoren. Diese These hat der letzte Quartalsbericht gestützt. Ob sie trägt, entscheidet sich an den Prognosemärkten. Sollten Regulierer dort strenger vorgehen, fiele der am schnellsten wachsende Bereich weg. In mehreren US-Bundesstaaten laufen bereits Auseinandersetzungen darüber, ob solche Kontrakte als Finanzprodukt oder als Glücksspiel einzustufen sind.
Auffällig ist die Zwölfmonatsbilanz. Trotz des Kurssprungs steht die Aktie nur 3,96% über dem Niveau von vor einem Jahr. Der Kurs war zwischenzeitlich deutlich tiefer und hat sich seit dem Sommer erholt. Aus unserer Sicht zeigt das, wie stark die Bewertung an der Stimmung gegenüber Kryptowährungen hängt. Wer die Aktie hält, hält damit indirekt auch eine Position auf den Bitcoin-Kurs, ob gewollt oder nicht.
Regulierung und Zinssitzung im Fokus
Der wichtigste Termin für die Aktie liegt Mitte September. Am 15. und 16. tagt die US-Notenbank. Bleibt der Zins unverändert, dürfte die Kryptorally Bestand haben und mit ihr die Handelsaktivität auf der Plattform. Eine Erhöhung würde beide Treiber gleichzeitig ausbremsen.
Daneben verdienen zwei regulatorische Fragen Aufmerksamkeit. Die US-Börsenaufsicht arbeitet an Regeln für Kryptoprodukte und tokenisierte Wertpapiere. Fällt das Ergebnis günstig aus, könnte Robinhood den Handel mit tokenisierten Aktien auch in den USA anbieten, was in Europa bereits möglich ist. Offen bleibt zudem, wie Aufsichtsbehörden künftig mit Prognosemärkten umgehen. Ein dritter Punkt betrifft das Ausland. Nach der Zulassung in Großbritannien dürfte der weitere Ausbau in Europa an Tempo gewinnen. Die nächsten Quartalszahlen erwarten wir Ende Oktober.
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