Overview
Am Anfang stand ein Scheitern. Luca Ferrari, Francesco Patarnello, Matteo Danieli und Luca Querella, Freunde aus dem Studium in Italien und Dänemark, hatten eine Tagebuch-App namens Evertale entwickelt, die keinen Markt fand. Nach der Abwicklung blieben ihnen rund 40.000 Dollar. Daraus entstand 2013 in Kopenhagen die Firma Bending Spoons, benannt nach einer Szene aus dem Film Matrix. Ein Jahr später zog das Unternehmen nach Mailand.
Aus dem Scheitern erwuchs die Geschäftsidee. Ferrari zog daraus den Schluss, dass es weitgehend Glückssache sei, ob ein neues Produkt seinen Markt findet. Talent und harte Arbeit garantierten das nicht. Also drehte das Team die Logik um. Statt neue Produkte zu erfinden, wollte es bestehende kaufen, die bereits Nutzer und Erlöse haben, deren Wachstum aber stockt. Der erste Kauf war eine Tastatur-App für 10.000 Dollar.
Aus diesem Prinzip wurde ein Fließband. Bending Spoons übernimmt digitale Produkte vollständig, schreibt oft die technische Basis neu, strafft Organisation und Kosten und hebt die Erlöse. Ferrari beschreibt das Modell als zu 25 Prozent Beteiligungsgesellschaft und zu 75 Prozent Technologieunternehmen. Über 50 Übernahmen kamen zusammen, darunter Evernote, Vimeo, WeTransfer, Meetup, Eventbrite, Brightcove, StreamYard und 2025 der Internetpionier AOL. Über 500 Millionen Menschen nutzen die Produkte monatlich, der Umsatz erreichte 2025 rund 1,3 Milliarden Dollar. Im Juli 2026 folgte der Börsengang an der Nasdaq.
Management
Mitgründer Luca Ferrari führt Bending Spoons seit 2013 als Chief Executive Officer und ist das Gesicht des Unternehmens. Er vergleicht das Modell selbst mit einer Mischung aus Berkshire Hathaway und einem Technologiekonzern. Seine Führungsphilosophie setzt auf ein kleines, hochselektiv besetztes Team, das nach seiner Darstellung mehr, schneller und besser arbeiten kann als eine große Organisation. Bei rund 1.000 Beschäftigten betreut Bending Spoons damit eine Nutzerbasis, für die andere Unternehmen ein Vielfaches an Personal einsetzen.
Die drei Mitgründer Francesco Patarnello, Matteo Danieli und Luca Querella sind weiterhin an Bord. Nach der Finanzierungsrunde von Oktober 2025 waren alle vier bereits Milliardäre, nach dem Börsengang bezifferte Forbes ihren gemeinsamen Anteil auf rund 8,9 Milliarden Dollar. Diese Konzentration bindet die Interessen der Führung eng an die Aktie, bedeutet aber auch, dass die Gründer das Unternehmen weiterhin dominieren.
Finanzdaten
Branche
Bending Spoons bewegt sich in einer eigenen Nische zwischen Softwareindustrie und Beteiligungsgeschäft. Klassische Softwarefirmen entwickeln eigene Produkte, klassische Beteiligungsgesellschaften kaufen Unternehmen und verkaufen sie nach einigen Jahren weiter. Bending Spoons kauft und behält, nach eigenen Angaben hat das Unternehmen nie ein wesentliches Geschäft wieder veräußert.
Der Wettbewerb um Kaufobjekte ist real. Beteiligungsgesellschaften und Software-Konsolidierer wie Constellation Software oder Vista Equity Partners suchen nach denselben Zielen, also nach Produkten mit stabilen Erlösen und Verbesserungspotenzial. Der Vorteil von Bending Spoons liegt in der operativen Tiefe, weil das Unternehmen die gekauften Produkte technisch selbst umbaut, statt nur Kosten zu senken.
Genau daran entzündet sich aber auch Kritik. Bei mehreren Übernahmen folgten Stellenabbau und Preiserhöhungen, was Nutzer und frühere Eigentümer verärgerte. Ein Mitgründer von WeTransfer äußerte sich Ende 2025 öffentlich kritisch und kündigte an, einen konkurrierenden Dienst aufzubauen. Für Anleger ist das ein Hinweis darauf, dass die Methode Reibung erzeugt und die Bindung der Nutzer belasten kann.
Produkte und Services
Das Portfolio umfasst über 50 digitale Produkte aus sehr unterschiedlichen Bereichen. Zur Produktivität zählen Evernote für Notizen, Harvest für Zeiterfassung und MileIQ für Fahrtenbücher. Im Medienbereich stehen die Videoplattform Vimeo, der Streaming-Dienst StreamYard und die Videotechnik von Brightcove. Dateiübertragung und Veröffentlichung decken WeTransfer und Issuu ab, Gemeinschaft und Veranstaltungen die Plattformen Meetup und Eventbrite. Dazu kommen Verbraucher-Apps wie die Bildbearbeitung Remini, der Wander-Dienst Komoot und die Haustierortung Tractive. Der größte Zukauf war 2025 der Erwerb von AOL.
Geld verdient Bending Spoons überwiegend mit Abonnements. Das Muster nach einer Übernahme ist wiederkehrend, die technische Basis wird modernisiert, die Bezahlmodelle werden überarbeitet, die Kostenstruktur gestrafft. Nach Unternehmensangaben wurde Evernote binnen rund 18 Monaten nach dem Kauf profitabel und tragfähig, wobei die Software von einer monolithischen Architektur auf Microservices umgestellt wurde.
Das Wachstum beschleunigte sich zuletzt deutlich. Im ersten Quartal 2026 stieg der Umsatz auf 601,3 Millionen Dollar, nach 258,9 Millionen Dollar im Vorjahresquartal, wobei das Unternehmen in die Gewinnzone drehte. Finanziert wurden die Übernahmen überwiegend mit Fremdkapital, entsprechend hoch ist die Verschuldung mit rund 4,4 Milliarden Dollar.
