Overview
Tim Latimer arbeitete nach dem Studium als Bohringenieur bei dem Bergbaukonzern BHP, mitten im amerikanischen Schieferöl-Boom. Ihn beschäftigte eine Frage. Wenn Horizontalbohrungen und Fracking die Öl- und Gasförderung derart verändert hatten, warum sollten dieselben Techniken nicht auch die Geothermie umkrempeln? Latimer verließ BHP für ein Masterstudium in Stanford, wo er Jack Norbeck traf, der zu Geothermie-Reservoiren forschte. Gemeinsam gründeten die beiden 2017 Fervo Energy in Houston.
Die Idee löst das größte Problem der Erdwärme. Klassische Geothermie braucht natürlich vorhandene heiße Wasserreservoire in durchlässigem Gestein, was ihren Einsatz auf wenige Regionen begrenzt. Fervo bohrt stattdessen senkrecht in heißes Gestein und dann waagerecht hindurch, presst Wasser durch die so geschaffenen Risse und gewinnt aus dem aufgeheizten Wasser Dampf für Turbinen. Diese Technik heißt Enhanced Geothermal System, kurz EGS. Anders als Wind und Sonne liefert sie Strom rund um die Uhr.
Bis 2022 galt Erdwärme bei Investoren als teuer und riskant. Mit dem Boom der Rechenzentren und dem sprunghaft steigenden Strombedarf drehte die Stimmung. Fervo sammelte über zwölf Runden mehr als eine Milliarde Dollar ein, unter anderem von Google, Bill Gates' Breakthrough Energy Ventures und der kalifornischen Lehrer-Pensionskasse CalSTRS. Im Mai 2026 folgte der Börsengang an der Nasdaq, der größte eines Unternehmens für saubere Energie überhaupt.
Management
Mitgründer Tim Latimer führt Fervo seit 2017 als CEO und ist zugleich Vorsitzender des Verwaltungsrats. Der gebürtige Texaner begann seine Laufbahn 2012 als Bohringenieur bei BHP und wechselte über ein Stanford-Masterstudium in die Geothermie. Beim Börsengang verkaufte er keine eigenen Aktien.
Mitgründer Jack Norbeck verantwortet als Chief Technology Officer die Technik. Er promovierte in Stanford in Energie-Ressourcen-Ingenieurwesen und forschte als Postdoktorand beim US-Erdbebenzentrum der Behörde USGS zur Erdbebengefährdung. Finanzchef ist David Ulrey, das operative Geschäft leitet Sarah Jewett als COO. Über Class-B-Aktien mit mehrfachem Stimmrecht behalten Latimer und Norbeck auch nach dem IPO die Kontrolle. Als leitende unabhängige Direktorin sitzt Meg Whitman im Verwaltungsrat, die frühere Chefin von eBay und Hewlett-Packard.
Finanzdaten
Branche
Fervo bewegt sich im Markt für Stromerzeugung, dessen Nachfrage durch Rechenzentren, Elektrifizierung und Industrie rasant wächst. Geothermie deckte bislang nur einen kleinen Teil der weltweiten Stromproduktion, weil geeignete Standorte rar sind. Genau diese Grenze verschiebt die EGS-Technik. Der Vorteil gegenüber Wind und Solar liegt in der Verfügbarkeit rund um die Uhr, ohne Speicher und ohne Wetterabhängigkeit.
Die Konkurrenz ist zweigeteilt. Innerhalb der Geothermie treten Firmen wie Eavor, Sage Geosystems und der etablierte Betreiber Ormat Technologies an. Deutlich größer ist der Wettbewerb um dieselben Stromabnehmer, wo Solar mit Batteriespeichern, Windkraft, Gaskraftwerke und die neue Generation kleiner Kernreaktoren um Verträge mit Versorgern und Rechenzentrumsbetreibern ringen. Ein politischer Vorteil kam Fervo zugute. Während die US-Steuerreform von 2025 Förderungen für Wind und Solar beschnitt, blieben die Vergünstigungen für Geothermie bestehen.
Produkte und Services
Fervo ist Entwickler, Eigentümer und Betreiber von Geothermie-Kraftwerken. Das Geschäftsmodell besteht darin, Anlagen zu bauen und den erzeugten Strom über langfristige Abnahmeverträge zu verkaufen. Diese Verträge laufen über viele Jahre und sichern planbare Einnahmen, sobald ein Kraftwerk am Netz ist.
Das erste kommerzielle Projekt ist Cape Station in Beaver County im Südwesten von Utah, ausgelegt auf 500 Megawatt. Die erste Ausbaustufe sollte 2026 Strom liefern, der Vollausbau ist für 2028 vorgesehen. Hauptabnehmer ist der Versorger Southern California Edison mit 320 Megawatt. Ein Pilotkraftwerk in Nevada versorgt seit 2023 ein Google-Rechenzentrum, der Konzern ist außerdem seit Ende 2025 an Fervo beteiligt. Weitere Verträge bestehen mit Shell. Umsätze fallen erst mit dem Netzanschluss der Anlagen an. Für das Geschäftsjahr 2025 wies Fervo im IPO-Prospekt einen Nettoverlust von 70,5 Millionen Dollar aus, nach 41,1 Millionen Dollar im Vorjahr.
