Demokraten nehmen nach dem Wahlsieg die KI-Rechenzentren ins Visier

Demokraten nehmen nach dem Wahlsieg die KI-Rechenzentren ins Visier
Die Demokraten haben bei den US-Zwischenwahlen am 3. November beide Kammern des Kongresses gewonnen. Im Repräsentantenhaus kommen sie laut CNN-Hochrechnung auf mehr als 250 Sitze, im Senat haben sie ebenfalls die Mehrheit. Einzelne Rennen wie in Mississippi und Alaska waren am Wochenende noch nicht ausgezählt. Präsident Donald Trump muss ab Januar mit einem Parlament regieren, das ihm in vielen Fragen nicht folgt.
Kaum ein Thema hat dabei so überrascht wie die riesigen Serverhallen für künstliche Intelligenz. Noch in der Wahlnacht forderte Senator Bernie Sanders auf X ein landesweites Moratorium für neue Rechenzentren, also einen vorübergehenden Baustopp. Die Börse reagierte prompt. Aktien von Baufirmen, Kühltechnik-Spezialisten und Stromausrüstern brachen schon am Mittwoch teils um mehr als 20% ein. Am Donnerstag erfasste der Ausverkauf dann den gesamten Technologiesektor.

Rechenzentren wurden zum Wahlkampfthema
Lange galten Rechenzentren als Nischenthema für Stadtplaner. Bei dieser Wahl war das anders. Laut der Nachwahlbefragung von NBC News lehnen 76% der Wähler ein Rechenzentrum in ihrer eigenen Gemeinde ab. Für 56% waren KI und Rechenzentren ein entscheidender oder wichtiger Grund für ihre Stimmabgabe.
Noch deutlicher fielen die lokalen Abstimmungen aus. In 41 Gemeinden und Bezirken standen Vorlagen zu Rechenzentren auf dem Wahlzettel, unter anderem in Ohio, Illinois, Maine, Kansas und Wisconsin. In 40 davon setzten sich die Gegner durch. Allein in Ohio beschlossen mindestens 14 Orte Verbote oder strenge Auflagen. Betroffen ist auch ein Bezirk, in dem Meta eine Anlage mit rund 65.000 Quadratmetern Fläche plante.
Die Gründe sind handfest. Viele Anwohner fürchten steigende Strompreise, weil die Netzbetreiber ihre Leitungen für die Rechenzentren ausbauen und die Kosten auf alle Kunden umlegen. Dazu kommen der enorme Wasserverbrauch für die Kühlung und Steuererleichterungen in Milliardenhöhe, von denen die Gemeinden wenig sehen. In manchen Orten hatten Lokalpolitiker sogar Verschwiegenheitserklärungen über geplante Projekte unterschrieben.
Auch in den Bundesstaaten dreht sich der Wind. In Texas, nach Virginia der zweitgrößte Standort für Rechenzentren in den USA, gewann mit Gina Hinojosa erstmals seit 1990 wieder eine Demokratin das Gouverneursamt. Sie will neue Genehmigungen sofort auf Eis legen. In Ohio sehen Analysten von Morgan Stanley in der künftigen Gouverneurin Amy Acton ein großes Risiko für den geplanten Ausbau. New York hat bereits ein landesweites Moratorium.
Wie viel auf dem Spiel steht, zeigt ein Beispiel aus Ohio. OpenAI hat dort ein Rechenzentrumsprojekt im Volumen von 500 Milliarden Dollar ins Auge gefasst, umgerechnet rund 450 Milliarden Euro. Nvidia will mehr als 100 Milliarden Dollar zur Finanzierung beisteuern. Auch in Texas, Maine, Michigan, Nevada, Georgia und South Carolina gewannen Kandidaten, die sich gegen den schnellen Ausbau gestellt hatten.
Was die Demokraten im Kongress vorhaben
Der weitreichendste Vorschlag liegt schon seit März auf dem Tisch. Sanders und die Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez wollen den Bau neuer Rechenzentren bundesweit stoppen, bis der Kongress verbindliche Schutzregeln beschlossen hat. Ihr Gesetzentwurf soll auch verhindern, dass die Anlagen die Stromrechnungen privater Haushalte nach oben treiben.
Andere Demokraten setzen eher am Geld an. Senator Martin Heinrich will mit dem GRID Savings Act erreichen, dass Rechenzentren die Kosten für Netzausbau selbst tragen. Mit dem GUARDRAILS Act wollen die Demokraten zudem ein Dekret von Trump kippen, das strengere KI-Gesetze der Bundesstaaten ausbremsen sollte. Weitere Entwürfe sehen einen Notschalter für außer Kontrolle geratene KI-Modelle vor. Andere zielen sogar auf ein Verbot sogenannter Superintelligenz, also einer KI, die den Menschen in fast allen Bereichen übertrifft.
Schneller als jedes Gesetz dürften Anhörungen kommen. Mit der Mehrheit erhalten die Demokraten den Vorsitz in den Ausschüssen und damit das Recht, Manager vorzuladen und Unterlagen anzufordern. Senator Ed Markey scherzte bereits, für all die geplanten Vorladungen müsse man wohl neue Wälder pflanzen.
Einig ist die Partei allerdings nicht. Ein pauschaler Baustopp stößt auch bei manchen Demokraten auf Widerstand. Sie fürchten, die USA könnten im KI-Wettlauf gegen China zurückfallen.
Trumps Veto bremst die großen Pläne aus
Für ein bundesweites Moratorium stehen die Chancen schlecht. Trump hat angekündigt, Gesetze der Demokraten zur KI-Regulierung per Veto zu stoppen. Um ein Veto zu überstimmen, braucht der Kongress eine Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern. Davon sind die Demokraten weit entfernt. Der Präsident setzt weiter auf freiwillige Selbstverpflichtungen der Branche und auf den Wettlauf mit China.
Der eigentliche Druck entsteht deshalb vor Ort. Laut dem Analysehaus Interconnected Capital gelten in den USA inzwischen 372 Moratorien und 43 dauerhafte Verbote für Rechenzentren. James Mercer von Metro Colo Advisory erwartet den größten Gegenwind über die Stromrechnung. Er rechnet mit langen Mindestlaufzeiten bei Stromverträgen, Sicherheitsleistungen und der Pflicht, Netzausbau selbst zu bezahlen. In 45 Bundesstaaten laufen bereits 105 Verfahren vor Regulierungsbehörden, die sich um Rechenzentren drehen.
Goldman Sachs rechnet mit Verzögerungen beim Bau in Georgia und Texas. Die Branche versucht gegenzusteuern. OpenAI hat zugesagt, Netzausbau und Strom für seine Rechenzentren vollständig selbst zu bezahlen und wassersparende Kühlung zu bevorzugen. OpenAI-Präsident Greg Brockman räumte ein, die Industrie müsse den Gemeinden ihren Nutzen besser erklären.
Was der Gegenwind für Anleger bedeutet
Am stärksten betroffen sind Unternehmen, die direkt vom Bau neuer Rechenzentren leben. Dazu gehören Bauunternehmen, Hersteller von Kühlsystemen, Stromausrüster und Betreiber, die Rechenleistung vermieten. Der Kühltechnik-Spezialist Modine verlor allein am Mittwoch 21%. Der Rechenzentrumsbetreiber CoreWeave liegt rund 76% unter seinem Rekordhoch vom Juni 2025.
Für Chiphersteller wie Nvidia und die großen Cloud-Konzerne Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta ist die Rechnung komplizierter. Sie verlieren nicht sofort Umsatz, wenn ein Projekt in Ohio scheitert. Steigen aber Strom- und Baukosten, schrumpfen die Margen der KI-Investitionen. Verzögert sich der Ausbau, kommen auch Chipbestellungen später. Selbst Anthropic warnt im Börsenprospekt, dass Moratorien den Bau dringend benötigter Anlagen verzögern könnten.
Wer einen breiten Welt-ETF besitzt, hält automatisch einen großen Anteil an diesen US-Tech-Werten. Noch stärker trifft es Besitzer von Nasdaq-100- oder Halbleiter-ETFs. Die Konzentration auf wenige KI-Profiteure, die den Markt jahrelang nach oben gezogen hat, wirkt in solchen Phasen in die andere Richtung.
Wir halten ein bundesweites Moratorium für sehr unwahrscheinlich, solange Trump im Weißen Haus sitzt. Das realistischere Szenario ist ein Ausbau, der langsamer, teurer und stärker reguliert abläuft. Für die Bewertung vieler KI-Aktien ist das trotzdem relevant, weil sie bislang einen fast reibungslosen Bauboom eingepreist hatten.
Ab Januar wird der Kongress konkret
Der neue Kongress tritt Anfang Januar zusammen. Dann zeigt sich, welche Anhörungen die Demokraten als Erstes ansetzen und welche Gesetzentwürfe sie priorisieren. Parallel beginnen in vielen Bundesstaaten die Sitzungsperioden der Landesparlamente, wo strengere Regeln deutlich leichter durchkommen.
Für Anleger lohnt sich der Blick auf die nächsten Quartalszahlen der großen Cloud-Konzerne Ende Januar. Dort wird sichtbar, ob Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta ihre Investitionspläne für Rechenzentren anpassen. Das wäre das klarste Signal dafür, ob der politische Gegenwind in den Bilanzen ankommt.











