Anthropic geht auf Roadshow und der Zeitplan bis Thanksgiving ist eng

Anthropic geht auf Roadshow und der Zeitplan bis Thanksgiving ist eng
Der Countdown läuft. Anthropic will ab dieser Woche bei institutionellen Investoren für seinen Börsengang werben, berichten The Information und Bloomberg. Die Financial Times bestätigt, dass der Claude-Entwickler trotz des Tech-Ausverkaufs der vergangenen Woche an seinem Plan festhält. Ziel ist die Erstnotiz an der Nasdaq in der Woche ab dem 16. November, auf jeden Fall aber vor dem US-Feiertag Thanksgiving am 26. November.
Offiziell bestätigt hat Anthropic davon noch nichts. Im aktualisierten Börsenprospekt vom 2. November stehen an den entscheidenden Stellen nur Leerstellen. Preis je Aktie, Zahl der angebotenen Papiere und Emissionsvolumen fehlen. Die Aktie soll unter dem Kürzel ANT am Nasdaq Global Select Market gehandelt werden.

So funktioniert eine Roadshow
Der Name klingt nach Tournee, und so ähnlich läuft es auch. Das Management reist durch die Finanzzentren oder schaltet sich per Video zu und stellt das Unternehmen großen Geldgebern vor. Pensionskassen, Fondsgesellschaften und Staatsfonds bekommen die Wachstumsstory, die Risiken und die Pläne für das eingesammelte Kapital präsentiert. Danach geben sie unverbindlich an, wie viele Aktien sie zu welchem Preis kaufen würden.
Diese Gebote sammeln die Konsortialbanken in einem Orderbuch. Bei Anthropic sind das 22 Institute, angeführt von Goldman Sachs und Morgan Stanley. Je voller das Buch, desto höher kann der Ausgabepreis am Ende angesetzt werden. Die Roadshow dauert meist ein bis zwei Wochen. Bei Anthropic dürfte es deutlich schneller gehen.
Eine SEC-Regel bestimmt den frühestmöglichen Start. Unternehmen müssen ihren Prospekt mindestens 15 Tage vor Beginn der Roadshow öffentlich machen. Anthropic hat sein Formular S-1 am 26. Oktober eingereicht. Rein rechnerisch ist ein Start damit ab dem 10. November möglich, also genau in dieser Woche.
Noch eine Leerstelle im Prospekt verdient Aufmerksamkeit. Auch die sogenannte Mehrzuteilungsoption ist bislang nicht beziffert. Damit dürfen die Banken bei starker Nachfrage zusätzliche Aktien ausgeben. Läuft der Kurs nach dem Start schlecht, kaufen sie diese Papiere an der Börse zurück und stützen so den Preis. Im Fachjargon heißt das Greenshoe.
Die Preisspanne fehlt noch im Prospekt
Bevor die Werbetour offiziell losgeht, braucht Anthropic einen weiteren Nachtrag zum Prospekt. Erst darin stehen Preisspanne und Aktienzahl, und erst daraus lässt sich die angepeilte Bewertung exakt ablesen. Bis Freitagabend lag ein solcher Nachtrag in der SEC-Datenbank EDGAR noch nicht vor.
Anthropic geht dabei anders vor als SpaceX im Juni. Elon Musks Raumfahrtkonzern nannte damals einen festen Preis. Anthropic will laut Wall Street Journal eine Spanne vorschlagen. Das gibt mehr Spielraum, falls die Nachfrage stärker oder schwächer ausfällt als gedacht. Gesprochen wird derzeit über eine Bewertung von 1,25 bis 1,75 Billionen Dollar, umgerechnet 1,12 bis 1,57 Billionen Euro. Das Emissionsvolumen soll bei 80 bis 100 Milliarden Dollar liegen (72 bis 90 Milliarden Euro).
Ist das Orderbuch gefüllt, erklärt die SEC den Prospekt für wirksam. Den endgültigen Ausgabepreis legen Unternehmen und Banken meist am Abend vor dem ersten Handelstag fest. Mehrere Medien nennen den 19. oder 20. November als möglichen Termin. Bestätigt ist keiner davon.
Warum der Termin noch wackelt
Ganz sicher ist der Fahrplan nicht. Reuters meldete am 5. November Zweifel von Investoren, ob die Roadshow wie geplant starten kann. Am selben Tag verlor die Nasdaq 5,5%, der schlechteste Handelstag seit April 2025. Ein Geldgeber schlug dem Wall Street Journal zufolge sogar vor, den Börsengang komplett zu verschieben.
Am Prognosemarkt Kalshi ließ sich die Nervosität ablesen. Die Wahrscheinlichkeit für eine Ankündigung noch vor Dezember fiel laut CNBC innerhalb einer Woche von fast 90% auf 57%. Mittlerweile sind es wieder mehr als 80%, nachdem die FT über das Festhalten am Zeitplan berichtet hatte.
Warum drückt Anthropic trotzdem aufs Tempo? Rund um Thanksgiving und in den Wochen vor Weihnachten ist an der Wall Street traditionell weniger los. Ein so großes Angebot braucht aber volle Handelssäle und aufmerksame Käufer. Wer den Novembertermin verpasst, landet schnell im Januar. Bis dahin können neue Quartalszahlen, Zinsentscheidungen und politische Debatten die Ausgangslage wieder verändern. Die US-Notenbank tagt am 9. Dezember, und Terminmärkte sehen eine Wahrscheinlichkeit von 76% für eine weitere Zinserhöhung.
Was Privatanleger in Deutschland wissen müssen
Anders als bei vielen US-Börsengängen sollen auch Privatanleger in Europa direkt zeichnen können. Laut einer Übersicht im Hilfecenter von Anthropic ist ein Angebot für Deutschland, die Schweiz und acht weitere europäische Länder geplant. Grundlage ist ein eigener europäischer Prospekt, den die Finanzaufsicht Bafin noch billigen muss. Veröffentlicht werden soll er unter ipo.anthropic.com, sobald die Zeichnungsfrist beginnt.
Für den Europäischen Wirtschaftsraum und die Schweiz nennt Anthropic elf Vertriebspartner. Darunter sind Trade Republic, flatexDEGIRO, Deutsche Bank, eToro, Interactive Brokers, Revolut, Saxo Bank, Nordnet, UBS, BNP Paribas und Crédit Agricole. Trade Republic hatte seinen Kunden schon am 2. November in der App angekündigt, als zugelassener Broker dabei zu sein. Details zu Zeichnungsfrist, Mindestbetrag und Gebühren fehlen bislang bei allen Anbietern.
Eine Zeichnung garantiert keine Zuteilung. Wie viele Aktien für Privatanleger reserviert werden, ist offen. SpaceX hatte im Juni 15 bis 20% seines Angebots für Kleinanleger vorgesehen, sagt Robinhood-Finanzchef Shiv Verma. Ist die Nachfrage groß, bekommt jeder Zeichner nur einen Bruchteil seiner Wunschmenge.
In den USA tobt um diese Kontingente ein regelrechter Wettbewerb. Laut dem aktualisierten Prospekt verteilen dort unter anderem Robinhood, Fidelity, Charles Schwab, SoFi und E*Trade Aktien an Privatkunden. Robinhood drängt öffentlich auf einen größeren Anteil für Kleinanleger. Früher bekamen Privatanleger bei Börsengängen oft nur 1 bis 5% der Aktien, inzwischen sprechen Unternehmen eher über 10 bis 20%. Robinhood begründet das damit, dass Privatanleger rund ein Viertel des US-Aktienhandels ausmachen. Auch in Großbritannien, Japan, Kanada und Australien sind eigene Angebote für Kleinanleger geplant. Ein Börsengang dieser Größe mit so breitem Zugang für Privatanleger rund um den Globus ist ungewöhnlich. Vorsicht ist bei Angeboten außerhalb dieser Liste angebracht. Anthropic stellt klar, dass kein anderes Unternehmen befugt ist, Aktien aus dem Privatanlegerangebot zu verkaufen.
Wir glauben, dass gerade die erste Handelswoche für Zeichner schwankungsreich werden kann. Anthropic hebt die Haltefristen für Altaktionäre in mehreren Stufen auf, ein Teil von Mitarbeitern und frühen Investoren darf schon am ersten Tag verkaufen. Dieses zusätzliche Angebot kann den Kurs in beide Richtungen bewegen.
Die nächsten zehn Tage entscheiden viel
Das wichtigste Signal ist der Prospektnachtrag mit Preisspanne. Taucht er in den kommenden Tagen bei der SEC auf, läuft die Roadshow, und der Thanksgiving-Termin ist realistisch. Bleibt er aus, steigt das Risiko einer Verschiebung deutlich.
Zwei Termine am 10. November gehören ebenfalls auf den Zettel. Dann veröffentlicht das US-Arbeitsministerium die Verbraucherpreise, und der KI-Rechenzentrumsbetreiber CoreWeave legt Quartalszahlen vor. Enttäuschen beide, könnte die Nervosität an der Nasdaq zurückkehren. Für Anthropic käme das zur denkbar ungünstigsten Zeit.












