Tech-Ausverkauf kostet Anthropic Hunderte Milliarden an Bewertung

Tech-Ausverkauf kostet Anthropic Hunderte Milliarden an Bewertung
Vor einem Monat schien die Zahl gesetzt. Zwei Billionen Dollar sollte Anthropic beim Börsengang wert sein, umgerechnet knapp 1,8 Billionen Euro. Davon ist der Claude-Entwickler jetzt abgerückt. Laut Financial Times will Anthropic bei seinem Nasdaq-Debüt weiterhin 80 bis 100 Milliarden Dollar einsammeln, also 72 bis 90 Milliarden Euro. Die angepeilte Bewertung liegt aber nur noch bei 1,25 bis 1,75 Billionen Dollar (1,12 bis 1,57 Billionen Euro).
Bloomberg berichtete am 6. November sogar von Gesprächen über 1,2 bis 1,3 Billionen Dollar. Einzelne Investoren brachten 1,1 Billionen ins Spiel. Bei der letzten privaten Finanzierungsrunde im Mai lag der Wert bei 965 Milliarden Dollar, rund 866 Milliarden Euro. Ein Aufschlag bleibt also. Er fällt nur viel kleiner aus als erhofft.
Eine Einschränkung gehört dazu. Eine offizielle Preisspanne hat Anthropic noch nicht veröffentlicht, alle Zahlen stammen aus Investorengesprächen, über die Medien berichten. Die Roadshow, also die Werbetour bei Großanlegern, soll in dieser Woche beginnen.

Der Donnerstag, an dem die KI-Rally kippte
Den Ausschlag gab der 5. November. Zwei Tage nach den US-Zwischenwahlen brach die Nasdaq um 5,5% ein. Einen schlechteren Tag hatte der Index zuletzt im April 2025 erlebt, als Donald Trump seine weltweiten Zölle verkündete. Der Nasdaq 100 mit den größten Tech-Werten verlor sogar 6,4%, so viel wie seit März 2020 nicht mehr. Laut CNN lösten sich an diesem einen Handelstag rund 2,5 Billionen Dollar Börsenwert auf, gut 2,2 Billionen Euro.
Der Auslöser war politisch. Die Demokraten gewannen beide Kammern des Kongresses, und zwar klarer als erwartet. Viele Anleger fürchten jetzt strengere Regeln für die KI-Branche und vor allem Gegenwind für neue Rechenzentren. Gegen diese Serverhallen wehren sich viele US-Gemeinden, weil sie Strom und Wasser verschlingen. Laut einer Nachwahlbefragung von NBC News war das Thema für mehr als die Hälfte der Wähler ein wichtiger Faktor bei der Stimmabgabe.
Nvidia, dessen Chips auch Anthropic einsetzt, rutschte am Donnerstag um 9,3% ab. Fast 450 Milliarden Dollar Börsenwert waren damit weg. Der Halbleiterindex der Börse Philadelphia fiel um mehr als 12%. Der Angstindex VIX, der die erwartete Schwankung am US-Aktienmarkt misst, sprang von 16,6 auf 28,2 Punkte. Am Freitag erholte sich der Nasdaq 100 zwar um 1,8%. Nvidia notiert trotzdem gut 21% unter dem Stand von vor einem Monat.
Großinvestoren sitzen jetzt am längeren Hebel
Bei einem Börsengang dieser Größe bestimmen nicht Privatanleger den Preis. Den Ton geben Pensionsfonds, Vermögensverwalter und Hedgefonds an, denn sie zeichnen den Löwenanteil der Aktien. Im sogenannten Bookbuilding sammeln die begleitenden Banken deren Kaufaufträge ein. So finden sie heraus, bei welchem Preis genug Nachfrage zusammenkommt. Bricht kurz vorher der Markt ein, verschiebt sich die Verhandlungsmacht. Wer Milliarden investieren soll, verlangt einen Sicherheitspuffer.
Genau das passiert gerade. Schon am 3. November meldete das Wall Street Journal, dass große Geldgeber eher 1,5 bis 1,6 Billionen Dollar für angemessen halten. Nach dem Crash wurden die Forderungen härter. Ein Investor hielt gegenüber der Zeitung eine Bewertung nahe einer Billion Dollar für realistisch. Ein anderer brachte sogar eine Verschiebung des Börsengangs ins Gespräch. Ein großer Fondsmanager erwartet laut FT eine bewusst vorsichtige Preisfindung um 1,5 Billionen Dollar, damit die Aktie danach Luft nach oben hat.
Manche Investoren vertrauen laut WSJ darauf, dass Finanzchef Krishna Rao konservativ ansetzt. Das Kalkül dahinter ist simpel. Steigt die Aktie am ersten Handelstag, bleiben die Käufer zufrieden und das Unternehmen hat sich einen guten Ruf am Kapitalmarkt gesichert.
Dazu kommt ein hausgemachter Faktor. Anthropics Umsatz stieg im dritten Quartal auf knapp 17 Milliarden Dollar (15,2 Milliarden Euro). Gegenüber dem Vorquartal ist das ein Plus von 47%. Im zweiten Quartal hatte das Wachstum noch bei 144% gelegen. Von 47% in drei Monaten träumt praktisch jedes Softwarehaus. Eine Bewertung von zwei Billionen Dollar setzte aber noch höheres Tempo voraus.
Was die neue Spanne über den Preis verrät
Eine einfache Kennzahl hilft bei der Einordnung. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis, kurz KUV, teilt den Börsenwert durch den Jahresumsatz. Rechnet man das dritte Quartal auf zwölf Monate hoch, kommt Anthropic auf rund 68 Milliarden Dollar Umsatz, etwa 61 Milliarden Euro. Bei zwei Billionen Dollar Bewertung ergibt das ein KUV von knapp 30. Bei 1,25 Billionen sinkt es auf rund 18. Das sind unsere eigenen Überschlagsrechnungen auf Basis des Börsenprospekts, keine offiziellen Werte.
Der Unterschied ist erheblich. Wer zu 1,25 Billionen einsteigt, bezahlt für jeden Dollar Jahresumsatz 37,5% weniger als bei der alten Zielmarke. Am Geschäft selbst hat sich in den vergangenen zwei Wochen dagegen wenig geändert. Die Zahlen aus dem aktualisierten Prospekt vom 2. November sind dieselben. Geändert hat sich die Stimmung.
Ein Blick auf den Rivalen zeigt, wie stark sich das Klima gedreht hat. OpenAI sammelte laut Wall Street Journal in seiner jüngsten Runde nur 11 der angestrebten 30 Milliarden Dollar ein. Bewertet wurde der Konzern dabei mit 1,25 Billionen Dollar. Der ChatGPT-Entwickler hat seinen eigenen Börsengang ohnehin auf das kommende Jahr verschoben. Selbst am unteren Ende der neuen Spanne läge Anthropic damit gleichauf mit OpenAI.
Auch nach dem Abschlag bleibt der Deal gewaltig. Den Rekord hält bislang SpaceX, das im Juni laut AFP rund 86 Milliarden Dollar einsammelte. Mit 80 Milliarden Dollar oder mehr käme Anthropic in dessen Nähe. Mit 100 Milliarden wäre es der größte Börsengang aller Zeiten.
Was der Preisrutsch für Anleger bedeutet
Für alle, die zeichnen wollen, hat die neue Spanne zwei Seiten. Ein niedrigerer Preis bedeutet rechnerisch mehr Umsatz pro investiertem Euro. Die Risiken bleiben aber dieselben. Anthropic schreibt operativ Verluste und hat Rechenzentrumsverträge über rund 895 Milliarden Dollar unterschrieben, die über viele Jahre bezahlt werden müssen. Neuemissionen können außerdem schon kurz nach dem Start unter den Ausgabepreis fallen.
Indirekt betrifft die Bewertung viele Depots. Amazon und Alphabet sind mit großen Anteilen an Anthropic beteiligt. Fällt die Bewertung niedriger aus, schrumpfen auch die Buchgewinne, die beide Konzerne aus ihrer Beteiligung zeigen können. Große Fondshäuser wie Fidelity und Capital Group halten ebenfalls Anteile, die über Publikumsfonds in den Portfolios vieler Sparer stecken.
Wer breit gestreute Tech-ETFs besitzt, sollte vor allem die Signalwirkung im Blick haben. Der Börsengang gilt an der Wall Street als Stimmungstest für die gesamte KI-Branche. Gelingt er, könnte er laut Fortune den Weg für eine ganze Welle weiterer Börsengänge Anfang 2027 ebnen. Floppt er, dürfte das Nvidia, Chipzulieferer und Rechenzentrumsbetreiber erneut unter Druck setzen.
Wir halten den Abschlag eher für ein gesundes Signal als für ein Alarmzeichen. Zwei Billionen Dollar für ein Unternehmen, das operativ noch rote Zahlen schreibt, waren selbst für KI-Verhältnisse sehr sportlich. Eine vorsichtigere Bewertung verringert die Fallhöhe für alle, die am ersten Handelstag einsteigen.
Die Preisspanne wird zum ersten Härtetest
Spannend wird, welche Spanne Anthropic der US-Börsenaufsicht SEC tatsächlich meldet. Mit diesem Dokument nennt das Unternehmen erstmals selbst einen Preis und die Zahl der angebotenen Aktien. Erst dann wird aus den Gerüchten eine offizielle Zahl. Am Prognosemarkt Kalshi war die Wahrscheinlichkeit für einen Börsengang noch vor Dezember nach dem Crash zeitweise auf 57% gefallen. Inzwischen liegt sie wieder über 80%.
Am Dienstag folgen außerdem die US-Inflationsdaten für Oktober und die Quartalszahlen von CoreWeave. Beides kann die Stimmung für KI-Werte noch einmal kräftig drehen. Anthropic peilt die Erstnotiz weiterhin für die Woche vor Thanksgiving an.











