Riot Platforms wird mit Anthropic zum KI-Vermieter

Abstrakte 3D-Grafik eines neuronalen Netzes mit blauen Knotenpunkten im Zusammenhang mit Riot Platforms als KI-Vermieter für Anthropic

Ein Abend verändert die Investmentstory

Nordamerika💾4 Min.12.08.2026

Riot Platforms (NASDAQ: RIOT) hat am Montagabend gleich zwei große Nachrichten geliefert. Neben den Quartalszahlen verkündete der Bitcoin-Miner einen Vertrag über 191 Megawatt Rechenzentrumsleistung am Standort Rockdale in Texas. Die Laufzeit beträgt 20 Jahre. Den Mieter nannte Riot zunächst nicht und sprach lediglich von einem führenden KI-Labor. Einen Tag später lüftete die Nachrichtenagentur Bloomberg das Geheimnis. Hinter dem Vertrag steht demnach Anthropic, das KI-Unternehmen hinter dem Chatbot Claude.

Die Dimension ließ die Aktie nachbörslich in der Spitze um 25 Prozent auf 24,40 Dollar springen. Riot erwartet aus dem Grundvertrag bis Juni 2048 Einnahmen von rund 9,1 Milliarden Dollar. Zwei Verlängerungsoptionen über je fünf Jahre könnten den Gesamtwert auf etwa 16,1 Milliarden Dollar erhöhen. Zum Vergleich lag der Quartalsumsatz von Riot zuletzt bei gerade einmal 174 Millionen Dollar.

Vom Bitcoin-Schürfer zum Vermieter von Rechenleistung

Riot Platforms zählt zu den größten börsennotierten Bitcoin-Minern der USA. Das Unternehmen betreibt riesige Serverfarmen, in denen spezialisierte Rechner rund um die Uhr neue Bitcoin erzeugen. Die Firmengeschichte liest sich dabei kurios. Bis 2017 firmierte die Gesellschaft als Bioptix und entwickelte Diagnostik für die Biotech-Branche, dann folgte der komplette Schwenk ins Krypto-Geschäft.

Das Mining-Modell hat allerdings einen strukturellen Haken. Die Erlöse hängen direkt am Bitcoin-Kurs und am Schwierigkeitsgrad des Schürfens, den das Netzwerk laufend anpasst. Läuft der Kurs, verdienen Miner glänzend. Dümpelt er, schmelzen die Margen dahin. Genau deshalb bauen viele Miner derzeit ein zweites Standbein auf. Ihre Trümpfe dafür halten sie längst in der Hand. Große Grundstücke, genehmigte Stromanschlüsse und fertige Kühlsysteme sind exakt das, was KI-Konzerne händeringend suchen. Neue Rechenzentren warten in den USA oft jahrelang auf einen Netzanschluss. Wer die Infrastruktur schon besitzt, liefert schneller als jeder Entwickler, der auf der grünen Wiese startet.

Was der Vertrag mit Anthropic konkret regelt

Der Vertrag umfasst 191 Megawatt kritische IT-Kapazität auf dem Rockdale-Campus. Diese Leistung würde rechnerisch ausreichen, um rund 143.000 Haushalte gleichzeitig mit Strom zu versorgen. Die erste Stufe mit 96 Megawatt soll im Dezember 2027 ans Netz gehen, die restlichen 95 Megawatt folgen bis Juni 2028. Für die frühe Bauphase hat Riot eine Zwischenfinanzierung über 573 Millionen Dollar arrangiert, federführend begleitet von Morgan Stanley.

Anthropic sichert sich mit dem Abschluss dringend benötigte Rechenleistung für sein schnell wachsendes KI-Geschäft. Das Unternehmen kauft Kapazitäten derzeit im großen Stil ein und unterschrieb laut Medienberichten zuletzt auch einen Zehn-Milliarden-Vertrag für ein Rechenzentrum in Norwegen. Für Riot wiederum ist der Deal bereits der zweite Großauftrag in Rockdale. Zusammen mit einer früheren Vereinbarung mit dem Chipkonzern AMD summiert sich die vermietete Kapazität dort auf 241 Megawatt. Konzernchef Jason Les beziffert die vertraglich gesicherten Einnahmen daraus auf rund 9,8 Milliarden Dollar. Beide Verträge kamen innerhalb von nur sechs Monaten zustande. Nach vollständiger Inbetriebnahme entspricht das im Schnitt gut 500 Millionen Dollar Mieteinnahmen pro Jahr.

Die Quartalszahlen zeigen die Baustellen

Im Schatten des Deals gingen die eigentlichen Zahlen fast unter. Riot setzte im zweiten Quartal 174,2 Millionen Dollar um, ein Plus von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Analysten hatten nur mit 152 bis 155 Millionen gerechnet. Das Bitcoin-Mining steuerte 113,7 Millionen Dollar bei, das junge Rechenzentrumsgeschäft immerhin schon 23,2 Millionen. Unter dem Strich stand dennoch ein Nettoverlust von 237,2 Millionen Dollar oder 0,68 Dollar je Aktie. Bereinigt lag das Minus je Aktie bei 0,33 Dollar, auch das war mehr als von Analysten befürchtet. Im Vorjahresquartal hatte Riot noch 219,5 Millionen Dollar verdient.

Der Umschwung verdeutlicht, wie zyklisch das Kerngeschäft bleibt. Der Bitcoin hängt seit Wochen unterhalb der Marke von 65.000 Dollar fest, was direkt auf die Mining-Margen drückt. Finanziell steht Riot gleichwohl solide da. Zum Quartalsende lagen die liquiden Mittel bei über 1,2 Milliarden Dollar. Darin enthalten sind 11.380 selbst geschürfte Bitcoin sowie knapp 549 Millionen Dollar an Barmitteln. Diese Kriegskasse ist wichtig, denn der Umbau zum Rechenzentrumsbetreiber verschlingt hohe Summen, lange bevor die erste Miete fließt.

Anleger feiern erst und rechnen dann nach

Die Kursreaktion erzählt ihre eigene Geschichte. Auf den nachbörslichen Sprung folgte am Dienstag die Ernüchterung, im regulären Handel schmolz das Plus fast vollständig ab. Die Aktie schloss bei 19,40 Dollar. Auf Jahressicht steht damit immer noch ein Gewinn von knapp 58 Prozent. Der Markt honoriert den Strategiewechsel also längst, will die Milliarden aber offenbar erst sehen, wenn sie tatsächlich fließen. Immerhin strahlte die Nachricht auf die ganze Branche aus. Miner wie Cipher Mining, TeraWulf und Hut 8 legten im Sog des Deals zwischen 3 und 5 Prozent zu.

Die Analysten klingen deutlich zuversichtlicher. Citi bezeichnet Zahlen und Vertrag zusammen als "transformational". H.C. Wainwright hob das Kursziel von 25 auf 40 Dollar an. In der Rechnung des Hauses entfallen 18 Dollar je Aktie auf das operative Geschäft, 2 Dollar auf den Bitcoin-Bestand und risikogewichtete 20 Dollar auf die Projektpipeline. Needham zielt auf 30 Dollar, der Konsens aller Schätzungen liegt ebenfalls um die 30 Dollar.

Der eigentliche Charme des Vertrags liegt aus unserer Sicht in der Planbarkeit. Ein über 20 Jahre laufendes Abnahmeprofil ersetzt schwankende Mining-Erlöse durch vertraglich gesicherte Cashflows. Trotzdem halten wir die Zurückhaltung des Marktes für gesund. Die Mieteinnahmen starten erst, wenn die Kapazitäten stehen. Bis Dezember 2027 muss Riot planen, bauen und ans Netz bringen, und zwar im Zeitrahmen und im Budget. Verzögerungen beim Bau oder beim Stromanschluss würden die schöne Rechnung schnell durchkreuzen. Dazu kommt ein Klumpenrisiko, denn mit AMD und Anthropic hängen die künftigen Erlöse an gerade einmal zwei Kunden. Sollte der KI-Boom abkühlen, säße Riot auf teurer Infrastruktur mit langen Bauzeiten. Die Aktie bleibt damit eine Wette auf saubere Umsetzung, nicht mehr nur auf den Bitcoin-Kurs.

Corsicana wird zum nächsten Kurstreiber

Der Blick richtet sich nun auf den zweiten Riot-Standort Corsicana in Texas. Für den Campus mit bis zu 756 Megawatt IT-Last liegt nach Unternehmensangaben eine unverbindliche Absichtserklärung eines Mieters vor, die Verhandlungen seien weit fortgeschritten. Ein Abschluss in dieser Größenordnung würde die vermietete Kapazität nochmals vervielfachen und der Aktie neuen Schub geben.

Daneben zählen die Ausbaustufen in Rockdale. Die ersten 96 Megawatt für Anthropic sollen im Dezember 2027 laufen, bei AMD sind aktuell 25 von 50 Megawatt in Betrieb. Kurzfristig bleibt zudem offen, ob Anthropic den Vertrag offiziell bestätigt, bislang schweigen beide Seiten zu der Bloomberg-Meldung. Die nächsten Quartalszahlen im Herbst dürften dann zeigen, ob aus dem Versprechen planbarer Mieteinnahmen tatsächlich ein zweites Fundament wird.

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