SpaceX trotzt der Aktienschwemme aus dem Lock-up

Die gefürchtete Verkaufswelle bleibt aus
Kaum ein Termin wurde an der Wall Street zuletzt so gefürchtet wie der 6. August. An diesem Tag endete bei SpaceX (NASDAQ: SPCX) die erste Haltefrist nach dem Börsengang. Rund 911 Millionen Aktien von Insidern und Altinvestoren wurden auf einen Schlag handelbar, ein Paket im Wert von etwa 100 Milliarden Dollar. Viele Anleger rechneten fest mit einem Kursrutsch. Passiert ist das Gegenteil.
Statt einzubrechen, drehte die Aktie nach oben und legte seit dem Stichtag in der Spitze über 26 Prozent zu. Am Montag übersprang das Papier wieder den Ausgabepreis von 135 Dollar, zuletzt notierte es bei rund 139 Dollar. Die Marktkapitalisierung liegt damit bei etwa 1,81 Billionen Dollar und erstmals seit Wochen wieder über der Bewertung zum Börsenstart. Wer beim IPO gezeichnet hat, ist aus dem Minus heraus.
Der größte Börsengang aller Zeiten im Schnelldurchlauf
SpaceX ging am 12. Juni 2026 an die Nasdaq und pulverisierte dabei sämtliche Rekorde. Das Raumfahrtunternehmen von Elon Musk platzierte 555,6 Millionen neue Aktien zu je 135 Dollar und sammelte damit rund 75 Milliarden Dollar ein. Der bisherige Rekordhalter Saudi Aramco hatte 2019 gerade einmal 29 Milliarden erlöst. Die Bewertung lag zum Start bei etwa 1,75 Billionen Dollar. Ungewöhnlich war auch die Zuteilung, denn rund 30 Prozent der neuen Aktien reservierte SpaceX für Privatanleger. Üblich sind bei US-Börsengängen eher 5 bis 10 Prozent.
Der Handelsauftakt geriet euphorisch. Die Aktie schloss am ersten Tag bei rund 161 Dollar, am 16. Juni folgte das Allzeithoch bei 225,64 Dollar. Kurz nach dem Debüt rückte SpaceX zudem in den Nasdaq 100 und den Russell 1000 auf, was Indexfonds zu Pflichtkäufen zwang. Danach drehte der Wind. Mitte Juli fiel der Kurs erstmals unter den Ausgabepreis, Anfang August markierte er bei 104,83 Dollar sein bisheriges Tief. Vom Hoch bis zum Tief verlor die Aktie über 50 Prozent. Wichtig für die Einordnung bleibt die Aktionärsstruktur. Musk kontrolliert über eine Aktiengattung mit Mehrfachstimmrecht rund 85 Prozent der Stimmen, der Streubesitz lag anfangs bei nur etwa 5 Prozent.
Warum die Aktie überhaupt so tief gefallen war
Den letzten Schub nach unten lieferten die ersten Quartalszahlen als börsennotiertes Unternehmen. Am 4. August meldete SpaceX für das zweite Quartal einen Umsatzsprung von 92 Prozent auf 7,81 Milliarden Dollar. Der Nettoverlust schrumpfte auf 541 Millionen Dollar, nach 4,28 Milliarden im Quartal davor. Operativ lief es also erstaunlich rund. Gestört hat den Markt eine andere Zeile im Bericht. SpaceX investierte in nur einem Quartal 18,4 Milliarden Dollar, davon flossen allein 15,8 Milliarden in KI-Rechenzentren.
Diese Summen verraten, wohin die Reise geht. SpaceX ist längst mehr als eine Raketenfirma. Das Satelliteninternet Starlink erlöste 2025 rund 11,4 Milliarden Dollar und damit über die Hälfte des Konzernumsatzes. Die Zahl der Abonnenten hat sich binnen eines Jahres auf 10,3 Millionen mehr als verdoppelt. Parallel baut der Konzern rund um die KI-Sparte xAI ein gewaltiges Rechengeschäft auf. Dieser Umbau verschlingt Kapital in einem Tempo, das selbst hartgesottene Tech-Investoren nervös macht. Bereits Ende Juni hatte die Ankündigung einer milliardenschweren Anleihe den Kurs zeitweise um gut 20 Prozent gedrückt. Die Kapitalfrage schwebt also schon länger über dem Papier.
So funktioniert die Mechanik hinter dem Lock-up
Eine Haltefrist, im Börsenjargon Lock-up genannt, verbietet Insidern und Frühinvestoren für eine gewisse Zeit den Verkauf ihrer Aktien. Üblich sind 90 bis 180 Tage nach dem Börsengang. Die Regel soll verhindern, dass Altaktionäre direkt nach dem IPO Kasse machen und den Kurs abwürgen. Läuft die Frist ab, steigt das handelbare Angebot schlagartig. Deshalb geraten viele Aktien rund um solche Termine unter Druck, und genau diese Angst hatte SPCX wochenlang belastet. Zur Einordnung entsprach das nun freigewordene Paket ungefähr dem gesamten Emissionsvolumen des Börsengangs plus einem kräftigen Aufschlag.
Bei SpaceX kam es anders, und dafür liefern Marktbeobachter mehrere Erklärungen. Viele Händler hatten vorab auf fallende Kurse gewettet und mussten ihre Positionen eindecken, als der Absturz ausblieb. Diese Käufe trieben den Kurs zusätzlich an. Der größere Streubesitz lockte zudem institutionelle Investoren an, denen die Aktie vorher schlicht zu markteng war. Und offenbar verkauften viele Insider gar nicht, weil sie an höhere Kurse glauben. Manche Profis sprechen deshalb von einem reinigenden Ereignis. Die Furcht vor der Aktienschwemme hatte den Kurs so stark gedrückt, dass ihr Wegfall wie ein Befreiungsschlag wirkte.
Die Bewertung bleibt der wunde Punkt
Bei aller Erleichterung bleibt die Frage, was SpaceX eigentlich wert ist. Die Spanne der Expertenmeinungen ist atemberaubend. Das Analysehaus Morningstar taxierte den fairen Wert vor dem IPO auf rund 780 Milliarden Dollar und damit auf weniger als die Hälfte der aktuellen Bewertung. ARK Invest von Star-Investorin Cathie Wood traut dem Konzern bis 2030 dagegen bis zu 3,1 Billionen Dollar zu. Die Citi ruft ein Kursziel von 200 Dollar aus und unterstellt dabei einen Umsatzpfad in Richtung einer Billion Dollar bis 2031. Morgan Stanley wertete den Ablauf der Haltefrist sogar als Einstiegschance. Die optimistischsten Kursziele an der Wall Street reichen mittlerweile bis 248 Dollar.
Ein Blick auf die nackten Zahlen mahnt zur Vorsicht. Hochgerechnet aufs Jahr erlöst SpaceX derzeit gut 31 Milliarden Dollar. Bei 1,81 Billionen Dollar Börsenwert ergibt das ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 58, selbst teure KI-Aktien wirken dagegen moderat bewertet. Aus unserer Sicht kauft man bei SpaceX eine Vision mit Jahrzehnten an eingepreistem Wachstum. Das kann aufgehen, verzeiht aber keine größeren Rückschläge, weder bei der Starship-Rakete noch im KI-Geschäft. Für Neueinsteiger bleibt das Papier ein Ritt mit hoher Fallhöhe.
Am 20. August folgt schon der nächste Härtetest
Die Ruhe dürfte nicht lange halten. Bereits am 20. August wird die nächste Tranche gesperrter Aktien frei, im Raum stehen rund 320 Millionen Stück oder etwa 7 Prozent aller Anteile. Der erste Unlock verlief glimpflich, eine Garantie für eine Wiederholung liefert das aber nicht. Kurzfristig dürfte die Schwankungsbreite deshalb erhöht bleiben.
Daneben liefert der Konzern laufend neuen Stoff. Gemeinsam mit Tesla plant SpaceX eine Chipfabrik in Texas, in das Projekt mit dem Namen Terafab sollen 16,8 Milliarden Dollar fließen. Die Anlage soll eigene KI-Chips für Robotik und Raumfahrtdienste produzieren. Dazu kommen die nächsten Starship-Testflüge und frische Abonnentenzahlen von Starlink. Die nächsten Quartalszahlen im Herbst dürften dann beantworten, ob das Umsatzwachstum die gigantischen Investitionen weiter rechtfertigt.
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