Twist Bioscience wird zum Prüflabor für KI-Proteine

Dreidimensionale Darstellung mehrerer DNA-Doppelhelices vor dunkelblauem Hintergrund als Bezug zur Synthesearbeit von Twist Bioscience

Twist erreicht das höchste Niveau seit 2021

Nordamerika⚕️4 Min.19.08.2026

Twist Bioscience (NASDAQ: TWST) hat am Mittwoch 22,64 Prozent auf 142,39 Dollar zugelegt. Der Vortagesschluss lag bei 116,10 Dollar. Das ergibt ein Plus von 26,29 Dollar an einem Tag und eine Marktkapitalisierung von rund 8,93 Milliarden Dollar.

Auf diesem Niveau notierte die Aktie zuletzt 2021. Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs mehr als vervierfacht. Gehandelt wurden 3,34 Millionen Stück gegenüber einem Durchschnitt von 1,78 Millionen.

Der Auslöser steckt in einer Pflichtmitteilung vom Dienstag. Twist teilte der US-Börsenaufsicht mit, dass Anthropic das Unternehmen als unabhängigen Prüfer für eine Kampagne zum KI-gestützten Proteindesign ausgewählt hat. Finanzielle Konditionen wurden nicht genannt, ebenso wenig Laufzeit oder Umfang. Eingereicht wurde die Meldung nach der Regel zur fairen Offenlegung. Unternehmen nutzen diesen Weg, wenn eine Information kursrelevant sein könnte und deshalb allen Marktteilnehmern gleichzeitig zugänglich sein muss.

Anthropic entwirft, Twist baut und testet

Der Hintergrund lohnt eine genauere Betrachtung. Anthropic ließ seine Modelle Claude Opus 4.8 und Mythos Preview kleine Bindeproteine gegen 15 Zielstrukturen entwerfen. Solche Minibinder sollen sich passgenau an ein Zielprotein heften und dessen Funktion blockieren oder verändern. Das ist ein Grundbaustein moderner Wirkstoffentwicklung.

Twist und das Unternehmen Adaptyv Bio übernahmen den Praxistest. Beide stellten die entworfenen Proteine im Labor her und prüften, ob sie tatsächlich binden. Bei 14 der 15 Ziele klappte das. Die Trefferquote lag je nach Methode zwischen 22 und 35 Prozent, in vergleichbaren Kampagnen sind eher 10 bis 15 Prozent üblich. Bei mindestens vier Zielen erreichten oder übertrafen die besten Entwürfe publizierte Bestwerte. Zwei Ziele blieben widerspenstig.

Die Börsenlogik dahinter ist unspektakulär und trotzdem stark. Eine KI kann Sequenzen in beliebiger Zahl entwerfen. Herstellen und messen muss sie trotzdem jemand physisch. Genau dieser Schritt ist der Flaschenhals, und Twist verkauft die Werkzeuge dafür. Der Ablauf folgt einem Kreislauf aus Entwerfen, Bauen, Testen und Lernen. Die Modelle schlagen Sequenzen vor, Twist übersetzt sie in echte Moleküle, misst deren Eigenschaften und liefert die Messdaten zurück. Aus diesen Daten lernt das Modell für die nächste Runde. Wenn Pharmalabore ihre Wirkstoffsuche stärker auf Modelle umstellen, steigt die Nachfrage nach synthetischer DNA und nach Proteinherstellung im großen Stil.

Das Geschäftsmodell hinter dem KI-Aufschlag

Twist wurde 2013 gegründet und stellt synthetische DNA her. Der Unterschied zur Konkurrenz liegt im Verfahren. Statt DNA in klassischen Reaktionsgefäßen aufzubauen, schreibt Twist sie auf einen Siliziumchip. Auf derselben Fläche entstehen dadurch deutlich mehr Sequenzen parallel, was Stückkosten und Wartezeit drückt.

Die Zahlen stützen das. Nach eigenen Angaben hat Twist die Herstellungskosten in drei Jahren um 60 Prozent gesenkt. Der Ausschuss sank um 70 Prozent, die Durchlaufzeit um rund 73 Prozent. Die Kapazität für kurze DNA-Stücke wuchs auf das Vierfache.

Im dritten Geschäftsquartal, das Ende Juni auslief, stieg der Umsatz um 23 Prozent auf 118,4 Millionen Dollar. Analysten hatten mit rund 114,5 Millionen gerechnet. Das Segment DNA-Synthese und Proteinlösungen legte um 39 Prozent auf 56,6 Millionen Dollar zu, der Bereich Sequenzierungsanwendungen um 12 Prozent auf etwa 61,8 Millionen. Es war das 14. Quartal in Folge mit sequenziellem Wachstum.

Die Jahresprognose hob das Management auf 456 bis 457 Millionen Dollar an. Für das laufende Schlussquartal peilt Twist 123 bis 124 Millionen Dollar an. Beim bereinigten Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen soll erstmals die Nulllinie fallen. TD Cowen, Piper Sandler und Baird hoben ihre Kursziele danach auf 115 Dollar an. Diese Marke hat die Aktie inzwischen weit hinter sich gelassen.

Ein Leerverkäufer hält offen dagegen

Zur Vollständigkeit gehört die Gegenseite. Am Mittwoch veröffentlichte der aktivistische Leerverkäufer Scorpion Capital einen Beitrag, in dem er die KI-Erzählung des Unternehmens als überzogene Fantasie bezeichnet. Die Begeisterung über das Anthropic-Projekt sei nach seiner Lesart fehlgeleitet. Twist äußerte sich dazu zunächst nicht, und der Kurs ignorierte den Bericht vollständig.

Ein paar Punkte sprechen für Vorsicht. Anthropic hat weder Vertragswert noch Dauer der Zusammenarbeit genannt, und Twist ist nur einer von mehreren Prüfern. Wie viel Umsatz aus dem KI-Geschäft stammt, weist das Unternehmen bislang nicht gesondert aus. Das Management stellt lediglich dreistelliges Auftragswachstum in diesem und im kommenden Geschäftsjahr in Aussicht.

Profitabel ist Twist außerdem nicht. Im letzten Quartal stand ein Nettoverlust von rund 35,1 Millionen Dollar, das bereinigte Ergebnis lag bei minus 11,3 Millionen. Der aufgelaufene Verlust seit Gründung summiert sich auf gut 1,39 Milliarden Dollar. Liquide Mittel und kurzfristige Anlagen sanken auf 166,8 Millionen Dollar, nach 171,7 Millionen zum Ende des Vorquartals. Auch im Tagesgeschäft gibt es Schwachstellen. Der Bereich Industrie und angewandte Anwendungen schrumpfte auf 5,7 Millionen Dollar, das Geschäft mit globalen Vertriebspartnern stagnierte bei 12,9 Millionen.

Verwässerung und Bewertung gehören zur Rechnung

Anfang August platzierte Twist eine aufgestockte Kapitalerhöhung über 300 Millionen Dollar zu 96 Dollar je Aktie. Das Geld fließt in Forschung, Produktion und Produktentwicklung. Wer damals gezeichnet hat, sitzt nach zwei Wochen auf einem Buchgewinn von fast 50 Prozent. Für Altaktionäre bedeutet die Platzierung dagegen zusätzliche Verwässerung.

Aus unserer Sicht ist die entscheidende Frage nicht, ob KI die Wirkstoffsuche verändert. Diese Antwort liefert die Anthropic-Auswertung recht deutlich. Entscheidend ist, wie viel davon bei Twist als Umsatz ankommt und zu welcher Marge. Bislang liegt die Bruttomarge bei 52,8 Prozent, was für einen Zulieferer ordentlich, aber nicht spektakulär ist.

Wir halten die Bewertung deshalb für sportlich. Rund 8,93 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung stehen gut 457 Millionen Dollar erwartetem Jahresumsatz gegenüber. Das entspricht etwa dem Neunzehnfachen des Umsatzes bei einem Unternehmen, das gerade erst die Verlustzone verlassen will. Der Kurs preist mehrere Jahre reibungsloses Wachstum ein.

Diese Punkte entscheiden über die nächsten Quartale

Der nächste harte Test sind die Zahlen zum Geschäftsjahresende. Twist hat sich beim bereinigten Ergebnis auf die Nulllinie festgelegt, und zwar schon vor zwei Jahren für genau diesen Zeitpunkt. Wird das Versprechen gehalten, gewinnt die Aktie eine fundamentale Stütze. Wird es verfehlt, fällt die KI-Erzählung als einziges Argument zurück.

Anthropic hat zudem angekündigt, die Proteindaten weiter zu charakterisieren, um Trefferquoten und Bindungsstärken zu bestätigen. Fallen diese Nachmessungen schwächer aus, verliert der Auslöser vom Mittwoch an Gewicht.

Beobachten sollte man außerdem, ob Twist das KI-Geschäft künftig getrennt ausweist. Ohne eigene Umsatzzeile bleibt der Bereich eine Erzählung, die sich schlecht überprüfen lässt. Genau daran wird sich zeigen, ob aus dem Prüflabor für KI-Proteine ein tragfähiges Geschäft wird.

Transparenzhinweis

Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einschätzung der DieSpekulanten-Redaktion und gibt den Stand vom 19.08.2026 wieder. Unsere Inhalte dienen ausschließlich der Information und sind weder eine Anlageberatung noch eine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren. Mitglieder unserer Redaktion können Positionen in den besprochenen Wertpapieren halten. Wir finanzieren uns unter anderem über gekennzeichnete Affiliate-Links, etwa im Broker-Vergleich oder bei Amazon. Auf unsere Bewertungen und Inhalte hat das keinen Einfluss. Wie wir arbeiten und wie unsere Inhalte entstehen, können Sie auf der Seite Unsere Logik nachlesen. Alle weiteren rechtlichen Angaben finden Sie in unserem Disclaimer.