Victoria's Secret stürzt trotz Gewinnsprung um 13 Prozent

Der Gewinn schlägt, der Ausblick nicht
Victoria's Secret (NYSE: VSXY) hat am Donnerstag 13,17% auf 73,64 Dollar verloren. Der Wäschehändler aus Ohio meldete vor Handelsstart Zahlen zum zweiten Quartal und übertraf beim Gewinn deutlich. Vorbörslich sackte die Aktie zeitweise um 18% auf 69,61 Dollar ab. Im Handelsverlauf holte sie einen Teil des Verlusts wieder auf.
Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 0,95 Dollar. Analysten hatten mit rund 0,76 Dollar gerechnet. Im Vorjahresquartal waren es 0,33 Dollar gewesen. Das bereinigte operative Ergebnis kletterte von 55 auf 124 Millionen Dollar, also mehr als eine Verdopplung.
Der Umsatz erreichte 1,61 Milliarden Dollar und wuchs um 10,4%. Damit verfehlte die Firma die Erwartung von 1,62 Milliarden Dollar knapp. Rund 7,45 Millionen Aktien wechselten den Besitzer, das Vierfache des Dreimonatsschnitts. Der Börsenwert sank auf 5,85 Milliarden Dollar.
15 Millionen statt 24 Millionen Dollar
Der Auslöser für den Kurssturz steckt in einer einzigen Prognosezahl. Für das laufende dritte Quartal erwartet das Management ein operatives Ergebnis von rund 15 Millionen Dollar in der Mitte der Spanne. Die Wall Street hatte 24,4 Millionen Dollar im Modell.
Diese Lücke von rund 40% wiegt schwerer als der Gewinnsprung im abgelaufenen Quartal. Beim Umsatz sieht das dritte Quartal dagegen ordentlich aus, die Prognose von 1,59 Milliarden Dollar liegt etwa 1% über den Schätzungen. Das Unternehmen erwartet also Umsatz ohne Ertrag, und genau das mag der Markt nicht. Ein Händler, der wächst, aber weniger daran verdient, hat üblicherweise ein Kostenproblem oder muss die Ware billiger abgeben.
Auch die Jahresprognose sendet gemischte Signale. Die Umsatzerwartung wurde auf 7,100 bis 7,180 Milliarden Dollar angehoben. Beim bereinigten Ergebnis je Aktie nannte die Firma jedoch einen Mittelwert von 4,58 Dollar und liegt damit etwa 2% unter dem Konsens. Umsatz nach oben, Gewinn nach unten, das ist für einen Einzelhändler in der Regel ein Hinweis auf Rabatte oder steigende Kosten.
Das Wachstum verliert an Tempo
Ein zweiter Punkt aus dem Bericht dürfte Anleger beschäftigt haben. Die Umsätze auf vergleichbarer Fläche stiegen um 9%. Diese Kennzahl klammert Neueröffnungen und Schließungen aus und misst, wie sich bestehende Läden entwickeln. Neun Prozent sind für einen Modehändler ein starker Wert. Sie zeigen, dass Kunden tatsächlich mehr kaufen, und nicht nur mehr Filialen zum Umsatz beitragen.
Im Vorquartal waren es allerdings noch 13%. Der Rückgang um vier Prozentpunkte lässt sich als normale Normalisierung lesen oder als beginnende Abkühlung. Welche Deutung stimmt, zeigt erst das Weihnachtsquartal. Nach mehreren Quartalen mit steigenden Wachstumsraten war der erste Rücksetzer ohnehin absehbar.
Aus unserer Sicht liegt hier der eigentliche Streitpunkt. Victoria's Secret hat einen der bemerkenswertesten Turnarounds im amerikanischen Einzelhandel hingelegt. Genau deshalb ist die Messlatte hoch. Wer eine Erholungsgeschichte gekauft hat, will jedes Quartal einen weiteren Beleg sehen. Bleibt der aus, verkaufen viele sofort. Der Donnerstag war kein Beleg für ein schwaches Geschäft, sondern für eine hohe Erwartungshaltung.
Vom Ladenhüter zum Börsenliebling
Die Vorgeschichte erklärt die Fallhöhe. Vor zwei Jahren galt die Marke als Auslaufmodell, das den Anschluss an eine jüngere Kundschaft verloren hatte. Seit dem Amtsantritt von Vorstandschefin Hillary Super im Sommer 2024 hat sich das Bild gedreht. Nach Firmenangaben erreichte die Aktie seither eine Gesamtrendite von 193%. Damit schlug Victoria's Secret sowohl den Vergleichsindex für Konsumwerte als auch den breiten Markt der kleineren US-Unternehmen deutlich.
Die Strategie setzt auf die Rückkehr zum Kern der Marke, allerdings mit anderer Tonlage. Statt eines einzigen Schönheitsideals soll Attraktivität als individuelles Gefühl vermarktet werden. Wie ernst das Management diesen Kurs meint, zeigte sich im Frühjahr auf ungewöhnliche Weise. Im Juni tauschte die Firma ihr Börsenkürzel von VSCO auf VSXY, eine Anspielung auf den englischen Ausdruck für sehr attraktiv.
Der Wechsel fiel zufällig oder auch nicht auf den Tag der Quartalszahlen und lag drei Wochen vor einer Hauptversammlung, bei der ein aktivistischer Großaktionär gegen den Vorstand antrat. An der Substanz änderte sich nichts, die Kennnummer der Aktie und die Börsennotierung blieben gleich. Der Schritt kostete nichts und brachte Aufmerksamkeit. Parallel dazu baute das Management die Führungsebene um und strich Strukturen zusammen. Diese Umbauten belasteten die Zahlen der vergangenen Quartale und laufen nun schrittweise aus.
Was 230 Prozent Kursplus einpreisen
Die Zahlen zeigen, wie viel Erwartung im Kurs steckt. Auf Zwölfmonatssicht steht die Aktie trotz des Rückschlags 230,39% im Plus. Vor einem Jahr notierte sie im Bereich von gut 22 Dollar. Im August erreichte sie rund 100 Dollar, davon ist der aktuelle Kurs etwa 26% entfernt.
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei 35,46. Für einen Modehändler ist das ambitioniert. Klassische Vergleichswerte aus dem Bekleidungshandel werden häufig mit dem Zehn- bis Fünfzehnfachen gehandelt. Der Aufschlag lebt von der Annahme, dass sich die Margenerholung fortsetzt. Genau diese Annahme hat der Ausblick am Donnerstag infrage gestellt. Sobald ein Turnaround als abgeschlossen gilt, wird aus einer Erholungsstory ein normaler Einzelhandelswert, und der wird anders bewertet.
Die Schwankungsbreite passt ins Bild. Das Beta der Aktie liegt bei 2,05, sie bewegt sich also etwa doppelt so stark wie der Gesamtmarkt. Vor dem Bericht lag das durchschnittliche Kursziel der Analysten bei rund 95 Dollar. Ob die Häuser diese Marke halten, dürfte sich in den kommenden Tagen zeigen. Erfahrungsgemäß folgen Anpassungen der Schätzungen erst mit einigen Tagen Verzögerung. Im vergangenen Geschäftsjahr setzte Victoria's Secret 6,55 Milliarden Dollar um und verdiente netto 161 Millionen Dollar. Gemessen daran zeigt das laufende Jahr eine spürbare Beschleunigung sowohl beim Umsatz als auch beim Ertrag.
Weihnachtsquartal und Zollfrage bleiben offen
Die nächsten Zahlen erwarten wir Ende November oder Anfang Dezember. Für einen Wäschehändler ist das dritte Quartal traditionell schwach, das Geschäft konzentriert sich auf die Wochen davor und danach. Genau deshalb wiegt die niedrige Ergebnisprognose weniger schwer, als der Kursrutsch nahelegt. Die Vorbereitung auf das Weihnachtsgeschäft kostet Geld, bevor sie Umsatz bringt.
Zwei Themen bestimmen die kommenden Monate. Zum einen die Frage, ob die Rabattschlacht im amerikanischen Bekleidungshandel die Marge angreift. Zum anderen die Handelspolitik gegenüber asiatischen Produktionsländern, weil dort ein großer Teil der Ware gefertigt wird. Anleger sollten außerdem verfolgen, ob die Umsätze auf vergleichbarer Fläche im Weihnachtsgeschäft wieder anziehen oder ob sich der Trend der vergangenen beiden Quartale fortsetzt.
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